9.10.2003, 20:05 Uhr
Sozialer Ausschluss "schmerzt" tatsächlich
Seelische und körperliche Pein haben mehr gemein, als man annehmen sollte. Amerikanische und australische Psychologen haben beobachtet, dass bei beiden Schmerz-Arten ähnliche Gehirnregionen aktiv werden. Zudem lassen ihre Resultate vermuten, dass man sich eines nagenden Schmerzes erst bewusst werden muss, bevor man dagegen angehen kann.
Beim Verlust eines Freundes oder nach einer Zurückweisung fühlt man sich "verletzt" und empfindet "Schmerz". Möglicherweise kommt die Wortwahl nicht von ungefähr, schreiben Naomi Eisenberger von der University of California in Los Angeles und ihre Kollegen im Magazin "Science". Soziale Bindungen seien bei Säugern immerhin von enormer Bedeutung. "Vielleicht ist das für sozialen Zusammenhalt zuständige System, das Jungtiere bei ihren Fürsorgern verweilen lässt, huckepack auf das für physischen Schmerz zuständige System aufgesprungen, um die Überlebenschancen zu erhöhen."
Eisenberger und ihre Kollegen testeten diese Vermutung mit Hilfe eines Videospiels. Ihre Probanden gesellten sich in einem Computernetzwerk zu zwei vermeintlich menschlichen Spielern. Zunächst waren sie - vorgeblich aus technischen Gründen - zum Zuschauen verdammt. Dann konnten sie einige Zeit mit ihren Teamkameraden spielen, bis diese scheinbar beschlossen, ihren Mitspieler fortan schlicht zu ignorieren und sich nur noch untereinander die Bälle zuspielten. Währenddessen kartierten die Forscher die Gehirnaktivität ihrer Probanden.
In beiden Ausschluss-Phasen wurde der vordere Abschnitt einer Gyrus cinguli genannten Hirnwindung aktiv, und zwar umso stärker, je frustrierter die Teilnehmer waren. Früheren Studien zufolge fungiere diese Gehirnregion als eine Art Alarmsystem, "das im einfachsten Falle durch Schmerz, das primitivste Signal dafür, 'dass etwas nicht stimmt', aktiviert wird", so die Forscher. Lediglich während der zweiten Ausschluss-Phase wurde eine weitere Region im rechten ventralen präfrontalen Kortex aktiv, die offenbar als Dämpfer wirkt: Je aktiver sie war, desto weniger laut schrillten die Alarmglocken und desto weniger frustriert waren die Versuchsteilnehmer. Laut Eisenberger und Kollegen beeinflusst diese Region auch das Empfinden körperlicher Schmerzen.
Bild Copyright Science
Forschung: Naomi I. Eisenberger und Matthew D. Lieberman, Department of Psychology, University of California at Los Angeles; Kipling D. Williams, Department of Psychology, Macquarie University, Sydney
Veröffentlicht in Science, Vol. 302, 10. Oktober 2003, pp 290-2
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