10.6.2004, 18:23 Uhr
Auch Hunde stellen Hypothesen auf

Kleinkinder erweitern ihren Wortschatz in atemberaubendem Tempo, indem sie laufend Hypothesen über die Bedeutung neuer Wörter aufstellen und im Zweifelsfall wieder verwerfen. Dieser Lernmechanismus scheint jedoch nicht auf Menschen beschränkt, berichten Leipziger Psychologinnen im Magazin "Science". Ein gelehriger Hund hat es mit der gleichen Technik auf ein Vokabular von über 200 Wörtern gebracht.

Foto: Baus/KrzeslowskiDer neunjährige Border-Collie namens Rico besitzt damit einen ähnlich großen Wortschatz wie speziell trainierte Affen, Delphine, Seelöwen und Papageien, schreiben die Forscherinnen um Julia Fischer vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. Erworben hat er diesen aber nicht unter Anleitung von Wissenschaftlern und Pflegern, sondern in einem Privathaushalt mit einer besonders reichhaltigen Spielzeugkollektion.

Fischer und ihr Team testeten die Fähigkeiten Ricos zunächst an ihm vertrauten Objekten. Wurde der Hund aufgefordert, aus einer Reihe von Spielzeugen ein ganz bestimmtes zu apportieren, lag seine Trefferquote bei 92,5 Prozent. Es folgten Versuche, bei denen Rico mit einem neuen Objekt unter sieben vertrauten Spielzeugen konfrontiert wurde. Auf das Kommando "Rico, wo ist...", gefolgt von der Bezeichnung des neuen Gegenstands, brachte er in sieben von zehn Fällen tatsächlich das ihm unbekannte Objekt heran. Offenbar hatte er gelernt, dass Gegenstände Namen haben - und zwar nur einen - und verknüpfte die neue Lautfolge daher mit dem neuen Objekt.

Unklar ist, ob Rico ein außergewöhnlich lernfähiger Vertreter der Art Canis lupus ist und wie weit sein Sprachverständnis reicht. Fischer und ihre Kollegen weisen darauf hin, dass Mensch und Hund seit über zehntausend Jahren zusammenleben und dabei jene Tiere mit einer besonders hohen "Mensch-Kompatibilität" bevorzugt wurden. Zudem könne Rico angeblich auch instruiert werden, ein Objekt einer anderen Person zu bringen oder es in eine Kiste zu legen. Demnach scheine er etwa eine Socke nicht mit der Lautfolge "Wo-Ist-Die-Socke", sondern lediglich mit "Socke" in Verbindung zu bringen.

Foto: Baus/Krzeslowski


Forschung: Juliane Kaminski, Josep Call und Julia Fischer, Abteilung Vergleichende und Entwicklungspsychologie, Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig

Veröffentlicht in Science, Vol. 304, 11. Juni 2004, pp 1682-3

WWW:
MPI für evolutionäre Anthropologie
Spracherwerb
Wie kam der Mensch auf den Hund?

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