30.3.2004, 11:22 Uhr
Fledermäuse ertasten akustisches Schmirgelpapier
Fledermäuse sind begnadete Statistiker, haben Münchner Neurobiologen herausgefunden. Die Flattertiere ermitteln, wie "rau" die Echos ihrer Ortungslaute sind. Auf diese Weise könnten sie beispielsweise unterschiedliche Baumarten erkennen und umso besser durch einen Wald navigieren.
"Die von potenziellen Orientierungsmarken wie Bäumen oder Büschen produzierten Echos sind hoch chaotisch", erläutern Jan-Eric Grunwald und seine Kollegen von der Ludwig-Maximilians-Universität. Grund ist, dass die Ultraschall-Laute der Fledermäuse an einer Vielzahl von Blättern reflektiert werden, die sich zudem im Wind bewegen. In diesem Chaos versteckt sich jedoch zusätzliche Information: Beispielsweise Lärchen mit ihren feinen Nadeln produzieren "weiche" Echos mit vielen kleinen Schallspitzen, Echos von großblättrigen Kastanien sind dagegen vergleichsweise "rau".
Bilder: PNAS
Die Forscher testeten Kleine Lanzennasen (Phyllostomus discolor) auf ihre Fähigkeit, diese Rauigkeit zu erkennen. Dazu spielten sie den Fledermäusen künstlich erzeugte Echos ihrer eigenen Ortungslaute vor. Wie die Gruppe in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" berichtet, ließen sich die Fledermäuse tatsächlich darauf trainieren, auf raue oder weiche Echos hin unterschiedliche Futterspender anzusteuern. Die Tiere hatten sich jedoch nicht etwa die unterschiedlichen Trainingslaute gemerkt: Auch völlig neue Echos stuften sie umso häufiger als "rau" ein, je gröber deren akustische Körnung war.
"Bei früheren Arbeiten wurden die chaotischen Echos natürlicher Strukturen meist als störendes Durcheinander betrachtet", schreiben Grundwald und seine Kollegen. Angesichts der neuen Daten sollte das Chaos vielmehr "als Beitrag zu einem aussagekräftigen akustischen Bild angesehen werden, das sich eine Fledermaus von ihrer Umgebung macht."
Forschung: Jan-Eric Grunwald, Sven Schörnich und Lutz Wiegrebe, Department Biologie II, Ludwig-Maximilians-Universität München
Online-Veröffentlichung PNAS, DOI 10.1073/pnas.0308029101
WWW:
Neurobiologie, LMU München
Fledermäuse
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