24.3.2004, 19:59 Uhr
Frühmensch: Weniger Biss, mehr Grips?
Der Mensch verdankt sein großes Gehirn möglicherweise einem defekten Muskelgen. Diese Theorie stellen amerikanische Mediziner im Magazin "Nature" auf. Die schrumpfende Kaumuskulatur machte demnach den Weg frei für eine geräumige Schädelhöhle.
Die Forscher um Hansell Stedman von der University of Pennsylvania, Philadelphia, fanden eine neue Variante jenes Gens, das für den Hauptteil des Muskelproteins Myosin codiert. Unterschiedliche Versionen dieses MYH-Gens werden in unterschiedlichen Muskeln bevorzugt abgelesen. Das neue Gen mit Namen MYH16 scheint auf die Kaumuskulatur spezialisiert zu sein. Allerdings weist es eine Mutation auf, die das zugehörige Protein regelrecht "verstümmelt" und damit unbrauchbar macht.
Sämtliche untersuchten Menschen - von Isländern über Afrikaner bis hin zu Japanern - tragen die defekte MYH16-Variante. Selbst unsere nächsten Verwandten, die Schimpansen, sowie alle übrigen Affen besitzen dagegen die nicht mutierte Version. Laut Stedman und Kollegen zeigt das Beispiel seltener Muskelerkrankungen, dass bei Wegfall eines MYH-Gens die entsprechenden Muskeln und mit der geringeren Belastung auch deren Ansatzstellen am Skelett schrumpften. Vielleicht erkläre der MYH16-Defekt die vergleichsweise grazilen Schädelstrukturen des Menschen.
Die Forscher schätzen, dass die MYH16-Mutation vor etwa 2,4 Millionen Jahren auftrat. Kurz nach diesem Zeitpunkt seien die ersten Vertreter der Gattung Homo mit schlanken Kaumuskeln und "modern" wirkenden Schädeln aufgetreten. Daher sei die Mutation möglicherweise das erste Beispiel für eine genetische Veränderung mit erkennbarem Einfluss auf die menschliche Entwicklung. Die Hypothese sei "verlockend", kommentiert Pete Currie von der University of New South Wales in Sydney. Allerdings gebe es noch eine Reihe von Fragen zu klären. Insbesondere sei schleierhaft, warum sich die Mutation von einem Individuum auf die gesamte Population verbreitet haben sollte.
Forschung: Hansell H. Stedman und Marilyn A. Mitchell, Department of Surgery, School of Medicine, University of Pennsylvania, Philadelphia; und andere
Veröffentlicht in Nature, Vol. 428, 25. März 2004, pp 415-8
WWW:
Myosin im Muskel
The Muscles of Mastication
The Hall of Human Ancestors
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