1.7.2004, 20:16 Uhr
Geometrie macht Ameisen aggressiv

Je näher sich Wüstenameisen ihrem Nest wähnen, desto aggressiver verhalten sie sich gegenüber fremden Artgenossen. Zwei Zürcher Zoologen haben nun herausgefunden, dass die Tiere sich dabei nach ihrem internen "Fahrtenschreiber" richten. Duftspuren oder die tatsächliche Entfernung zum Nest spielen offenbar kaum eine Rolle.

Markus Knaden und Rüdiger Wehner von der Universität Zürich untersuchten die Wüstenameise Cataglyphis fortis - eine für ihr traumwandlerisches Heimfindevermögen berühmte Ameisenart. Die Forscher trainierten die Tiere darauf, vom Eingang ihres Nestes aus eine 20 Meter nördlich gelegene Futterstelle anzusteuern. An der Futterstelle "abgefangen" und in ein weitab gelegenes Testgelände gesetzt, rennen die Ameisen schnurstracks 20 Meter gen Süden und beginnen dort, nach ihrem Nest zu suchen.

Die Zoologen setzten nun Ameisen fremder Kolonien zusammen, die sie die vollen 20 Meter oder nur 5 Meter südwärts hatten laufen lassen. Ihrem "Ortsgefühl" nach waren erstere also in unmittelbarer Nähe ihres Nests, letztere dagegen noch 15 Meter vom heimatlichen Bau entfernt. Wie Knaden und Wehner im Magazin "Science" berichten, verhielten sich die Tiere unterschiedlich aggressiv: Jene, die sich in der Nähe ihres Nests wähnten, drohten ihrem Gegenüber häufiger mit weit geöffneten Kiefern und gingen im Laufe der Konfrontation als erste zu Beißen und Säurespritzen über. Dass sie einander nicht in der vertrauten Umgebung ihres Nestes, sondern in einem Plastikschälchen begegneten, schien die Kontrahenten nicht zu kümmern.

Wehner und seine Arbeitsgruppe erforschen das Heimfindevermögen der Wüstenameise schon seit vielen Jahren. Dabei haben sie entdeckt, dass die Tiere per Pfadintegration navigieren: Während sie auf verschlungenen, oft mehrere Hundert Meter langen Wegen nach Nahrung suchen, verrechnen sie die einzelnen Wegabschnitte zu einem Heimvektor. Statt den gelaufenen Weg in umgekehrter Richtung rekapitulieren zu müssen, können die Tiere daher jederzeit den direkten Weg zum Nest antreten - im bis zu 60 Grad Celsius heißen Wüstensand eine höchst nützliche Fähigkeit.


Forschung: Markus Knaden und Rüdiger Wehner, Zoologisches Institut der Universität Zürich

Veröffentlicht in Science, Vol. 305, 2. Juli 2004, p 60

WWW:
Homepage der Arbeitsgruppe Wehner
Sahabot

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