29.4.2004, 11:32 Uhr
Neandertaler wuchsen schnell

Ihre Zähne weisen Neandertaler und moderne Menschen als separate Arten aus. Zu diesem Schluss kommen zwei französische und spanische im Magazin "Nature". Gemessen an der Geschwindigkeit, mit der sich die Zahnkronen mit Zahnschmelz überzogen, könnten unsere Vettern schon mit 15 Jahren das Erwachsenenalter erreicht haben.

Das Verhältnis von Neandertaler und Homo sapiens ist unter Anthropologen umstritten. Einige Forscher sind überzeugt, dass es sich um zwei getrennte Äste des menschlichen Stammbaums handelt. Andere glauben dagegen, dass der moderne Mensch Neandertaler-Erbgut in sich trägt. Fernando Ramirez Rozzi vom Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS), Paris, und José Maria Bermudez de Castro vom Museo Nacional de Ciencias Naturales in Madrid sehen in ihren neuen Befunden einen Beleg für eine klar getrennte Entwicklung.

Bild: Copyright F. Ramirez Rozzi - UPR CNRS 2147Die Forscher studierten mehrere Hundert Schneide- und Eckzähne von modernen Menschen (8.000 bis 20.000 Jahre alt), von Neandertalern (28.000 bis 130.000 Jahre alt) und von früheren Vertretern der Gattung Homo (über 400.000 Jahre alt). Vor allem interessierten sie sich für das Wachstumsmuster des Zahnschmelzes - erkennbar an im Wochenrhythmus gebildeten Wachstumslinien auf der Zahnoberfläche. Die Dichte dieser Perikymata nimmt bei Zähnen von Homo sapiens zur Basis der Zahnkrone hin stark zu, ähnlich ist das Bild bei den älteren Hominiden. Bei Neandertalern, vor allem bei den unteren Schneidezähnen, ging die Wachstumsgeschwindigkeit deutlich langsamer zurück, fand das Forscherduo.

Die Zahnkronen unserer Vettern wurden gut 15 Prozent schneller gebildet, schätzen Ramirez Rozzi und Bermudez de Castro. Zudem spiegele das Zahnwachstum die gesamte Körperentwicklung wieder. Daher könne man annehmen, dass Neandertaler schon mit 15 Jahren ausgewachsen gewesen seien, verglichen mit 18 bis 20 Jahren bei Homo sapiens. Voraussetzung für ein derart rasches Wachstum seien eine energiereiche Nahrung und ein intensiver Stoffwechsel.

Bild: Wachstumlinien im Zahnschmelz. Copyright F. Ramirez Rozzi - UPR CNRS 2147


Forschung: Fernando V. Ramirez Rozzi, UPR 2147, Dynamique de l'Evolution Humaine, CNRS, Paris, und José Maria Bermudez de Castro, Museo Nacional de Ciencias Naturales, Madrid

Veröffentlicht in Nature, Vol. 428, 29. April 2004, pp 936-9

WWW:
Perikymata
Human Origins
Dynamique de l'Evolution Humaine, CNRS
Museo Nacional de Ciencias Naturales

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