20.1.2004, 15:31 Uhr
Evolutionäre Ablösung: Sehen statt Riechen
Menschen besitzen nur mäßig feine Nasen, verglichen etwa mit Mäusen oder Hunden. Der Grund dafür könnte das umso bessere Farbensehen sein, glauben deutsche und israelische Genetiker. Ihrer Untersuchung zufolge scheint die Entwicklung eines zusätzlichen Sehpigments den Niedergang der Riechgene eingeleitet zu haben - und das zweimal auf unterschiedlichen Ästen des Primatenstammbaums.
"Unsere Resultate legen nahe, dass die zwei Sinne in der Evolution der Primaten die Plätze getauscht haben, was ihre Bedeutung anbelangt", so die Forscher um Yoav Gilad und Svante Pääbo vom Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie und vom Weizmann-Institut in Rehovot. "Derzeit können wir aber noch nicht belegen, dass das Nachlassen des Geruchssinnes eine direkte Folge der Evolution des Farbensehens ist."
Menschen und Mäuse besitzen ähnlich viele Gene für Duftstoffrezeptoren. Bei ersteren sind jedoch über 50 Prozent dieser Gene nicht mehr funktionsfähig und zu wahllos mutierenden Pseudogenen verkommen, während der Anteil bei letzteren lediglich 20 Prozent beträgt. Bereits früher war vermutet worden, dass der Geruchssinn mit dem Auftreten des dritten Farbrezeptors im Auge der Altweltaffen an Bedeutung verloren hatte. Die Forscher gingen dieser Annahme nach, indem sie 100 zufällig ausgewählte Riechgene bei 19 Affenarten untersuchten.
Bei Menschenaffen und anderen Altweltaffen, die ebenfalls drei Farbrezeptoren aufweisen, beträgt der Anteil der Pseudo-Riechgene rund 30 Prozent, berichtet die Gruppe im Fachblatt "Public Library of Science Biology". Auf dem anderen großen Ast des Affenstammbaums, den Neuweltaffen mit ihren zwei Farbrezeptoren, liegt der Anteil dagegen unter 20 Prozent. Eine Ausnahme bilden lediglich die Brüllaffen: Die einzigen Neuweltaffen mit einem voll ausgebildeten trichromatischen Sehen können ebenfalls auf 30 Prozent ihrer Riechgene verzichten.
Forschung: Yoav Gilad, Victor Wiebe, Molly Przeworski und Svante Pääbo, Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie, Leipzig; Doron Lancet, Department of Molecular Genetics, Weizmann Institute of Science, Rehovot
Veröffentlicht in PLoS Biology, Vol. 2(1), Januar 2004
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Farbensehen
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