15.1.2004, 22:43 Uhr
Wie Spinnen die Hawaii-Inseln eroberten

Spinnen besetzen freie Lebensräume entweder durch die Ausbildung neuer Arten oder schlagartig durch Einwanderung. Auf beiden Wegen kommt es letztlich zu ausgeglichenen Gemeinschaften. Das hat eine amerikanische Biologin auf den Hawaii-Inseln entdeckt. Die Forscherin konnte die rund fünf Millionen Jahre dauernde Entwicklung der Streckerspinnen (Tetragnathidae) rekonstruieren.

Die Hawaii-Inseln im Pazifischen Ozean bestehen aus einer Reihe größerer, gebirgiger Inseln sowie vielen kleinen Koralleninseln. Kauai, die älteste Insel, entstand durch vulkanische Aktivität vor rund fünf Millionen Jahren. Nach ihr wuchsen Oahu, Molokai, Lanai, Maui und schließlich die größte Insel Hawaii aus dem Wasser. Mit einem Alter von kaum einer Million Jahren ist Hawaii die jüngste Vertreterin der Gruppe.

Für Rosemary Gillespie von der University of California boten die Inseln gute Bedingungen, um die Ausbreitung von Spinnen nachzuvollziehen. Die Biologin konzentrierte sich dabei auf die Spezies der Familie Tetragnathidae - Streckerspinnen, die auf den Hawaii-Inseln den Netzbau aufgegeben haben und ihre Beute jetzt auf ihren langen Beinen jagen.

16 verschiedene Arten konnte die Forscherin identifizieren, die sich in vier verschiedenen Lebensräumen etabliert haben. Eine Gruppe bevorzugt Gräser und Büsche, eine andere hat sich auf Moos spezialisiert; die dritte lebt in den Zweigen der Bäume, während sich die vierte auf der Baumrinde auf die Lauer legt.

Foto: David Liittschwager, Susan Middleton
Tetragnatha kauaiensis, bevorzugt Gras und Büsche

Erbgut-Untersuchungen ergaben, dass alle 16 Arten auf einen gemeinsamen Urahn zurück gehen, der vor fünf Millionen Jahren auf Kauai, der ersten Hawaii-Insel, heimisch wurde.

Die 16 Arten eroberten sich aber keineswegs gemeinsam Insel für Insel, berichtet Gillespie im Magazin "Science". Stattdessen betraten in vielen Fällen nur einzelne Arten das Neuland. Die anderen Spezies entwickelten sich dann aus dieser einen Art, indem sie sich auf unterschiedliche Lebensräume konzentrierten. Nur so ist es erklärlich, dass Baumspinnen mit Moosspinnen der selben Insel mehr genetische Ähnlichkeit aufweisen als mit Baumspinnen anderer Hawaii-Inseln.

Foto: David Liittschwager, Susan Middleton
Tetragnatha pilosa macht Baumrinden unsicher

Andererseits können einwandernde Tiere auch ihrer Nische treu bleiben, entdeckte Gillespie. Die in Zweigen lebenden Streckerspinnen wanderten beispielsweise auf junge Inseln ein, sofern im Geäst der Bäume noch freie Lebensräume zu besetzen waren. "Die Arten scheinen ein Wettrennen auszutragen, bei dem es darum geht, wer die noch offenen Nischen als erster besetzt", sagt Gillespie. Sind einzelne Arten mit dem Einwandern nicht schnell genug, haben die Erstankömmlinge schon Unterarten gebildet.

Die größte Vielfalt an Streckerspinnen fand Gillespie nicht in etablierten Gemeinschaften, sondern an einem Berg mittleren Alters, dem Haleakala auf Maui. Die Biologin folgert daraus, dass die Besiedlung der Lebensräume in einer Art Welle verläuft. Die Vielfalt nimmt zu, solange sich einzelne Arten nicht endgültig durchgesetzt haben und alle Spezies noch um ihr Revier ringen.

Gewinnt eine Art je Nische dann die Oberhand, ebbt die Vielfalt schnell ab. In "eingefahrenen" Gemeinschaften, so beweist der Inselvergleich, ist daher ein ausgewogenes, aber kleineres Spektrum an Arten anzutreffen.

Fotos: David Liittschwager, Susan Middleton



Forschung: Rosemary Gillespie, University of California in Berkeley, in
"Science", Vol. 303, 16.1.2004, pp 356-359

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