10.12.2003, 12:31 Uhr
Impfe deinen Nächsten wie dich selbst
Eine ebenso einfache wie effektive Strategie gegen Krankheitserreger hat eine israelisch-amerikanische Gruppe von Physikern ersonnen. Vor allem dann, wenn die Zeit drängt oder der Impfstoff knapp ist, kann die Ausbreitung des Erregers durch zufälliges Impfen einiger Personen und ihrer Bekannten wirkungsvoll gebremst werden.
Das gleiche Prinzip könnte auch gegen Computerviren angewandt werden, schreiben die Forscher um Shlomo Havlin von der Bar-Ilan University in Ramat-Gan. Diese Flexibilität beruht auf der Tatsache, dass menschliche Bekannten-Netzwerke einen ähnlichen Aufbau wie das Internet aufweisen: Sehr viele Knoten besitzen wenige Verbindungen, einige wenige besitzen dagegen sehr viele Verbindungen zu anderen Knoten.
Personen der zweiten Kategorie, beispielsweise medizinisches Personal oder Köche, können einer Infektionskrankheit Tür und Tor öffnen und sind daher ein wichtiges Ziel von Impfkampagnen. Sehr viel schwieriger sind jedoch jene auszumachen, die nicht aus beruflichen Gründen, sondern aufgrund vieler Freunde, Bekannter oder Geschlechtspartner zu den "Super-Spreadern" gehören. Die Lösung des Problems ist verblüffend einfach, berichten Havlin und seine Kollegen im Fachblatt "Physical Review Letters".
Statt die gesamte Bevölkerung zu impfen, wählt man nach dem Zufallsprinzip rund 20 Prozent der Einwohner aus und impft diese sowie - wiederum zufällig gewählt - einen ihrer Bekannten. Da potenzielle "Super-Spreader" sehr viele Bekannte haben, werden sie mit einer hohen Wahrscheinlichkeit ebenfalls geimpft. Den Computersimulationen der Physiker zufolge kann die Zahl der nötigen Impfungen sogar noch weiter gesenkt werden, indem man eine größere Zahl von Personen nach ihren Bekannten fragt und nur die mehrfach genannten impft.
Forschung: Reuven Cohen und Shlomo Havlin, Minerva Center und Department of Physics, Bar-Ilan University, Ramat-Gan, und Daniel ben-Avraham, Department of Physics, Clarkson University, Potsdam, New York
Veröffentlicht in Physical Review Letters, Vol 91, Artikel 247901
WWW:
Homepage Shlomo Havlin
The Case of the Unsuspected Murderer
Paul-Ehrlich-Institut
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