15.3.2004, 16:03 Uhr
Erst kommt das Zittern, dann die Furcht
Bilder können Angst machen, auch wenn man sie nicht bewusst sieht. Bevor die Signale der Augen die eigentlichen Sehzentren erreichen, werden sie offenbar tief im Gehirn abgezweigt und begutachtet. Entsprechende Resultate präsentieren Tübinger Wissenschaftler im Fachblatt "Nature Neuroscience".
Die Signale von den Lichtrezeptoren der Augen werden zunächst in der Netzhaut und dann noch einmal im Zwischenhirn umgeschaltet, bevor sie das Sehzentrum in der Großhirnrinde erreichen. Silke Anders und ihre Kollegen von der Universität Tübingen untersuchten neun Patienten, bei denen die letzte Etappe bzw. die Sehrinde selbst teilweise zerstört waren. Zumindest für die bewusste Wahrnehmung waren Teile des Gesichtsfeldes dadurch ausgeblendet.
Die Forscher projizierten das Bild eines Mannes mit neutralem Gesichtsausdruck auf die Netzhaut ihrer Versuchsteilnehmer. Dann spielten sie ihnen bei einigen Durchgängen gleichzeitig einen unangenehmen Schrei vor. Projizierten sie das Bild schließlich auf die ausgeblendeten Bereiche der Netzhaut, zeigten die Teilnehmer dennoch eine emotionale körperliche Reaktion: Obwohl sie erklärtermaßen kein Bild sahen, blinzelten sie nun öfter. Anders und ihre Kollegen vermuten daher, dass stammesgeschichtlich alte Strukturen tief im Gehirn die Signale von der Netzhaut "begutachten" und gegebenenfalls Signale zur Amygdala senden, dem insbesondere für Angst oder Wut zuständigen Mandelkern.
Zusätzlich zur körperlichen Reaktion berichteten die Teilnehmer auch von negativen Gefühlen. Eine Kartierung der Gehirnaktivität per Magnetresonanztomographie zeigte, dass eine Region im linken vorderen Schläfenlappen bei ihnen besonders aktiv war. Dieser Bereich der Großhirnrinde empfängt Signale über den internen Zustand des Körpers. Möglicherweise wird auf dieser höheren Warte auch die Aktivierung des urtümlichen Angstzentrums Amygdala "bemerkt", glauben die Forscher. Und vielleicht würden erst dadurch die negativen Gefühle ausgelöst.
Forschung: Silke Anders, Niels Birbaumer und Martin Lotze, Institut für Medizinische Psychologie, Universität Tübingen; und andere
Online-Veröffentlichung Nature Neuroscience, 14. März 2004, DOI 10.1038/nn1213
WWW:
Die Sehbahn
Medizinische Psychologie, Uni Tübingen
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