5.10.2004, 18:49 Uhr
Amseln liegt das Stadtleben im Blut
Wenn in der Stadt lebende Amseln früher mit dem Brüten beginnen als ihre Artgenossen auf dem Land, liegt das nicht mehr nur an den besonderen Umweltbedingungen. Entsprechende Resultate haben die Versuche einer deutsch-amerikanischen Ornithologengruppe erbracht. Offenbar genetisch gesteuert, bereiten sich die Körper der Stadtvögel früher auf die Fortpflanzung vor.
Bislang haben Forscher zahlreiche Anpassungen von Vögeln an das Stadtleben entdeckt. So brüten etwa Amseln (Turdus merula), noch vor gut 200 Jahren äußerst scheue Waldbewohner, in der Stadt Wochen früher als im Umland. Ob sich dieser Unterschied im Erbgut der Tiere widerspiegelt oder ob es sich dabei um eine flexible Reaktion auf Umweltfaktoren handelt, war unklar. Beides ist der Fall, berichten Jesko Partecke vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Andechs und seine Kollegen nun in den "Proceedings of the Royal Society: Biological Sciences".
Foto: Ingo Teich
Die Forscher zogen Amsel-Küken aus München und aus einem 40 Kilometer von der Stadt entfernten Waldgebiet von Hand auf. Beide Gruppen wurden in einem gemeinsamen Vogelraum gehalten, sodass sie als Jungvögel und Erwachsene identischen Bedingungen ausgesetzt waren. Während der zweijährigen Studie verfolgten die Wissenschaftler die saisonale Entwicklung von Hoden bzw. Eierstöcken und bestimmten die Blutkonzentration des für die Fortpflanzung kritischen Luteinisierenden Hormons.
Zu ihrer Überraschung fanden die Forscher, dass die Unterschiede im Timing der Fortpflanzung im Labor deutlich geringer ausfielen als im Freiland und schließlich gänzlich verschwanden. Des ungeachtet setzten Hormonausschüttung und Entwicklung der Keimdrüsen bei den männlichen Stadtamseln früher ein als bei ihren ländlichen Artgenossen. Umgekehrt signalisierten sinkende Hormonkonzentrationen und Follikelgrößen bei den weiblichen Stadtvögeln ein zeitigeres Ende der Fortpflanzungsphase. Neben besonderen Umweltfaktoren - denkbar sind etwa Kunstlicht, höhere Temperaturen und größere Populationsdichten in der Stadt - existieren demnach auch genetische Unterschiede als Zeichen einer evolutionären Anpassung, schließen die Forscher.
Forschung: Jesko Partecke, Thomas Van't Hof und Eberhard Gwinner, Max-Planck-Institut für Ornithologie, Andechs/Seewiesen, und School of Biological Sciences, Washington State University, Pullman
Veröffentlicht in Proceedings: Biological Sciences, Vol. 271(1552), 7. Oktober 2004, pp 1995-2001, DOI 10.1098/rspb.2004.2821
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MPI für Ornithologie
Drosselvögel
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