1.9.2004, 22:32 Uhr
Leseschwäche mit kulturellen Unterschieden

Bei Europäern und Chinesen ist die Leseschwäche in unterschiedlichen Teilen des Gehirns angelegt. Das fand ein Team amerikanischer und chinesischer Forscher bei Versuchen mit 16 Schulkindern heraus.

Die Wissenschaftler um Li Hai Tan vom National Institute of Mental Health in Bethesda überwachten die Hirnaktivität elfjähriger Schüler mit Hilfe der Magnetresonanztomographie, während ihre Probanden Leseübungen absolvierten. Die Hälfte der Schüler konnte gut lesen, die andere Hälfte hatte große Probleme, die chinesischen Schriftzeichen zu identifizieren. Die entscheidenden Unterschiede habe man im linken mittleren Stirnlappen gefunden, schreiben die Forscher im Magazin "Nature". Bei Schülern mit Leseschwäche war die entsprechende Hirnregion weniger stark aktiviert.

Bisher dachten Hirnforscher, das Lesen sei ausschließlich im linken Schläfen- und Scheitellappen verankert. Doch bis jetzt waren auch noch nie Chinesen entsprechenden Tests unterzogen wurden. Jetzt ist klar, dass beim Lesen chinesischer Schrift andere Hirnbereiche gefordert sind. Die chinesische Sprache kennt rund 5.000 Schriftzeichen, die für vollständige Wörter oder Silben stehen.

Den jungen Lesern waren unter anderem veränderte Zeichen vorgelegt worden, die es im Chinesischen gar nicht gibt. Der Stirnlappen sei für deren Erkennung verantwortlich, vermuten die Forscher. Muss das europäische Gehirn dagegen lateinische Buchstaben oder das russische kyrillische Zeichen deuten, wird der Stirnlappen nicht gefordert.

Die Entdeckung der Forscher könnte kuriose Einzelfälle von Leseschwäche erklären. So ist etwa das Beispiel eines zweisprachig aufgewachsenen Jungen überliefert, der japanische Texte fehlerfrei las, vor Schriftstücken in seiner Zweitsprache Englisch dagegen kapitulierte.


Forschung: Li Hai Tan, National Institute of Mental Health, NIH, Bethesda, u.a.; in "Nature", Vol. 431, No. 7004, 2.9.2004, pp 71-76

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