13.10.2004, 19:05 Uhr
Zweisprachigkeit verändert das Gehirn
So wie Sport den Körper formt, verändern geistige Anforderungen die Gehirnstruktur. Das hat eine englisch-italienische Forschergruppe ermittelt. Gemessen an der Dichte der grauen Substanz, weisen zweisprachig aufgewachsene Menschen demnach kräftigere geistige "Muskeln" auf.
Bislang sei man davon ausgegangen, dass das Erlernen einer zweiten Sprache lediglich funktionale Veränderungen hervorrufe, schreiben Andrea Mechelli vom University College London und seine Kollegen im Magazin "Nature". Die neuen Resultate ständen dagegen im Einklang "mit den immer zahlreicheren Hinweisen, dass sich das Gehirn als Reaktion auf die Ansprüche der Umwelt strukturell verändert."
Für ihre Studie rekrutierten die Forscher 83 Engländer, von denen einige kaum Kontakt mit einer zweiten Sprache gehabt hatten, andere wiederum regelmäßig eine zweite europäische Spräche benutzten. Die Auswertung tomographischer Gehirnaufnahmen offenbarte deutliche Unterschiede im unteren Abschnitt des linken Schläfenlappens: Bei zweisprachigen Teilnehmern war die Dichte an grauer Substanz hier deutlich höher als bei einsprachigen. Die graue Substanz besteht überwiegend aus den Zellkörpern, die weiße Substanz dagegen aus den Ausläufern der Nervenzellen.
Untersuchungen an 22 Italienern lieferten weitere Erkenntnisse. Je früher diese Englisch als Zweitsprache gelernt hatten, desto besser beherrschten sie die Sprache im Erwachsenenalter und desto dichter war bei ihnen wiederum die graue Substanz im linken unteren Schläfenlappen. Genetische Faktoren könnten zwar die Gewebedichte beeinflussen, so Mechelli und Kollegen, jedoch kaum das Alter, in dem jemand eine zweite Sprache erlerne. Daher müssten die beobachteten Unterschiede auf eine Reaktion des Gehirns zurückgehen.
Forschung: Andrea Mechelli und Cathy J. Price, Wellcome Department of Imaging Neuroscience, University College London; und andere
Veröffentlicht in Nature, Vol. 431, 14. Oktober 2004, p 757
WWW:
Department of Imaging Neuroscience, UCL
Anatomie des Gehirns
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