16.9.2004, 11:48 Uhr
Rembrandt schielte

Einer der bedeutendsten Maler überhaupt schielte offenbar. Das schließen zwei amerikanische Neurowissenschaftler aus den zahlreichen Selbstportraits Rembrandts. Und vielleicht gehe seine besondere Art, durch den Kontrast von hellen und dunklen Farben räumliche Tiefe zu vermitteln, erst auf sein beeinträchtigtes räumliches Sehen zurück.

"Stereosehen ist ein wichtiger Faktor für die Tiefenwahrnehmung", schreiben Margaret Livingstone und Bevil Conway von der Harvard University, Boston, im "New England Journal of Medicine". Für einen Künstler, der eine dreidimensionale Szene auf einer ebenen Oberfläche darstellen wolle, könne es jedoch hinderlich sein. "Kunstlehrer weisen ihre Schüler daher häufig an, ein Auge zu schließen, um ihre Umwelt flach zu sehen."

Rembrandt van Rijn (1606-1669) produzierte im Laufe seines Lebens beinahe 100 Selbstportraits. Die beiden Forscher nahmen 36 dieser Selbstbildnisse, darunter 12 Radierungen, genauer unter die Lupe. Sie fanden, dass auf 35 Abbildungen ein Auge leicht auswärts gerichtet war - und zwar stets das gleiche Auge. Damit das Gehirn aus der Augenstellung und den leicht unterschiedlichen Netzhautbildern Tiefeninformation ableiten kann, müssen die Augen jedoch den gleichen Punkt fixieren.

Erst kürzlich hatten Livingstone und Conway Portraitfotos bedeutender Maler und Fotografen analysiert und dabei ebenfalls zahlreiche Hinweise auf beeinträchtigtes Tiefensehen gefunden - unter anderem bei Marc Chagall, Man Ray und Pablo Picasso. "Vielleicht sind Personen, die die Welt bereits als flach sehen, auf künstlerischem Gebiet im Vorteil", folgern die Forscher.


Forschung: Margaret S. Livingstone und Bevil R. Conway, Department of Neurobiology, Harvard Medical School, Boston, Massachusetts

Veröffentlicht in New England Journal of Medicine, Vol. 351(12), 16. September 2004, pp 1264-5; Journal of Vision, Vol. 4(8), 458a

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