17.5.2006, 17:41 Uhr
Mit 80 fühlen wie mit 50

Wenn mit dem Alter der Tastsinn nachlässt, wird der Umgang mit Hemdknöpfen, Schnürsenkeln und Schlüsseln immer mühsamer. Dem lässt sich mit einem einfachen Training entgegenwirken, haben Bochumer Neurowissenschaftler nachweisen können. Mit Hilfe feiner Vibrationen konnten sie das Fingerspitzengefühl ihrer Probanden binnen Stunden um Jahrzehnte "verjüngen".

"Eine zentrale Frage in der Altersforschung ist, ob die vielen zu beobachtenden altersbedingten Beeinträchtigungen tatsächlich das Ergebnis von Degenerations- und Abnutzungserscheinungen sind", erklärt Hubert Dinse von der Universität Bochum. Zumindest im Falle des Tastsinns scheine es sich nicht um eine Verschleißerscheinung zu handeln, sodass ein gezieltes Training bei Senioren zum Erhalt der Selbstständigkeit beitragen könnte.

Dinse und Kollegen ermittelten zunächst, bis zu welchem Abstand ihre 65 bis 89 Jahre alten Probanden zwei Punkte auf der Fingerkuppe noch als getrennt wahrnahmen. Bei jungen Erwachsenen liegt diese Unterscheidungsschwelle bei 1,5 Millimetern, bei Senioren liegt sie über 3 Millimetern. Es folgte ein passives Training zur Verbesserung der Unterscheidungsschwelle: Dabei trugen die Teilnehmer ein kleines Gerät, dass mehrere Bereiche der Zeigefingerspitze gleichzeitig mit einer vibrierenden Membran reizte.

Der Erfolg dieser Koaktivierung war beeindruckend, berichten Dinse und Kollegen im Fachblatt "Annals of Neurology". Die Unterscheidungsfähigkeit der Teilnehmer verbesserte sich innerhalb von drei Stunden deutlich. Beispielsweise wies eine 85-jährige Person nach dem Training ein ähnlich feines Gespür auf, wie man es typischerweise bei 50-jährigen findet.

"Der entscheidende Vorteil solcher passiver Stimulationsprotokolle ist, dass sie ohne aktives Mitmachen des Teilnehmers und sogar nebenbei ablaufen können, z.B. während der Teilnehmer liest, fernsieht oder spazieren geht", erklärt Dinses Kollege Martin Tegenthoff. Die passive Stimulation verspreche neue Therapieansätze für ältere Menschen und für Patienten mit neurologischen Störungen, gleichzeitig sei sie aufgrund des geringen Personalbedarfs sehr kosteneffizient.


Forschung: Hubert R. Dinse, Nadine Kleibel, Tobias Kalisch, Patrick Ragert, Claudia Wilimzig und Martin Tegenthoff, Institut für Neuroinformatik und Neurologische Universitätsklinik der Ruhr-Universität Bochum

Online-Veröffentlichung Annals of Neurology, DOI 10.1002/ana.20862

WWW:
Institut für Neuroinformatik, Uni Bochum
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