29.3.2006, 7:43 Uhr
"Eulen" leiden unter sozialem Jetlag
Der morgendliche Arbeits- und Schulbeginn kollidiert mit dem inneren Rhythmus vieler Menschen. Das hat eine internationale Forschergruppe anhand der Daten von über 500 Personen ermittelt. Bei den Betroffenen stellt sich eine Art chronischer Jetlag ein, der ihre Leistungsfähigkeit und ihre Lebensqualität beeinträchtigt. Ihre Resultate präsentieren die Forscher im Fachblatt "Chronobiology International".
In jedem Mensch tickt eine innere Uhr, die den Organismus an den Wechsel von Tag und Nacht anpasst. Diese Uhr kann je nach genetischer Ausstattung und Lebensweise unterschiedlich stark vor- oder nachgehen. "Wenn die von der Gesellschaft auferlegten Zeitpläne den individuellen Schlafpräferenzen nicht entsprechen, führen die Unterschiede zwischen dem erwarteten Schlafverhalten an Arbeitstagen und dem, was die innere Uhr diktiert, zu einem 'social jetlag'", erklärt Till Roenneberg von der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Je nach Chronotyp unterscheiden Roenneberg und Kollegen zwischen "Lerchen" und "Eulen". Letztere kommen frühmorgens nur schwer aus dem Bett und laufen am späten Abend zu Höchstform auf. Daher tun sie sich besonders schwer mit dem gesellschaftlichen Rhythmus, ermittelten die Forscher. Für ihre Studie analysierten sie Fragebögen, in denen Freiwillige unter anderem über ihre Schlaf- und Wachzeiten Auskunft gegeben hatten, aber auch über ihre Schlafqualität, ihr psychologisches Wohlbefinden und ihren Konsum von Koffein, Nikotin, Alkohol und anderen Drogen.
Die meisten Eulen akkumulieren demnach unter der Woche ein Schlafdefizit und berichten häufiger von geringer Schlafqualität und Müdigkeit am Tag. Und je stärker der resultierende soziale Jetlag, desto mehr greifen die Betroffenen nach Stimulanzien, insbesondere zum Nikotin. Ein ähnliches Phänomen kenne man von Schichtarbeitern, so Roenneberg. Zudem wisse man bereits, dass Eulen schlechtere schulische Leistungen erbrächten und lebenslang in ihrem Leistungsvermögen beeinträchtigt sein könnten. "Wir schließen daraus, dass Heranwachsende und junge Erwachsene außerordentlich profitieren würden, wenn ihre innere Uhr stärker berücksichtigt würde", so der Forscher. Denkbare Maßnahmen seien eine Anpassung der Schulzeiten und flexible Arbeitszeiten.
Forschung: Marc Wittmann, Department of Psychiatry, University of California at San Diego; Till Roenneberg, Institut für Medizinische Psychologie, Ludwig-Maximilians-Universität München; und andere
Veröffentlichung Chronobiology International
WWW:
Institut für Medizinische Psychologie, LMU
- Das Leben im Zeitraum Tag
- Fragebogen zum Chronotyp
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