13.12.2004, 15:00 Uhr
Blinder Patient "sieht" Gesichtsausdrücke
Von den Augen kommende Signale werden nicht nur in der Sehrinde verarbeitet, sondern auch tief im Gehirn. Neue Belege für diese Annahme hat eine schweizerisch-britische Forschergruppe gefunden. Im Fachblatt "Nature Neuroscience" präsentiert sie den Fall eines Patienten, der trotz einer Schädigung der Sehrinde ängstliche von glücklichen Gesichtern unterscheiden kann.
Die Signale der Lichtrezeptoren der Netzhaut gelangen nicht direkt in die Sehrinde des Großhirns, sondern werden zuvor mehrfach umgeschaltet. Erst kürzlich hatten Tübinger Wissenschaftler Hinweise dafür gefunden, dass ein Teil dieses Signalflusses im Zwischenhirn abgezweigt und bereits in den Mandelkernen analysiert wird, zwei insbesondere für die Erkennung von Bedrohungen zuständigen Gehirnregionen.
Bei den Tübinger Patienten waren lediglich Teile des Gesichtsfeldes ausgefallen. Alan Pegna von der University of Wales, Bangor, und vom Universitätsklinikum Genf und seine Kollegen berichten nun über einen Arzt, bei dem kurz zuvor die gesamte Sehrinde durch zwei Schlaganfälle ausgeschaltet worden war. Trotz intakter Augen war der Mann vollständig auf Hör- und Tastsinn angewiesen - scheinbar.
Die Forscher zeigten dem Patienten 200 Bilder von glücklichen bzw. ärgerlichen Gesichtern. In 59 Prozent der Fälle "tippte" der Mann auf den korrekten Gesichtsausdruck. Würde er tatsächlich nur raten, sollte er in 1,1 Prozent aller Versuchsreihen diese Trefferquote erzielen, berechnen Pegna und Kollegen. Daher nehmen sie an, dass ihr Patient im gewissen Maße Gesichtsausdrücke wahrnimmt. Eine Kartierung der Gehirnaktivität lässt vermuten, dass dieser Prozess im rechten Mandelkern stattfindet. Offenbar arbeitet er sehr spezifisch: Für Bilder von Männern und Frauen bzw. bedrohlichen und angenehmen Situationen ist der Mann tatsächlich blind.
Forschung: Alan J. Pegna und Asaid Khateb, Centre for Cognitive Neuroscience, School of Psychology, University of Wales Bangor, Gwynedd, und Neuropsychology Unit, Department of Clinical Neuroscience and Dermatology, Geneva University Hospital; und andere
Online-Veröffentlichung Nature Neuroscience, 12. Dezember 2004, DOI 10.1038/nn1364
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Die Sehbahn
Fear and the Amygdala
Erst kommt das Zittern, dann die Furcht
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