9.2.2005, 11:36 Uhr
Tuberkulose könnte Lepra verdrängt haben

Krankheitserreger müssen sich nicht nur mit dem Immunsystem des Wirts auseinandersetzen, sondern auch mit mikrobiellen Wettbewerbern. Nach Ansicht einer internationalen Forschergruppe könnte diese Konkurrenz erklären, warum die Lepra im mittelalterlichen Europa immer seltener wurde. Offenbar wurden Leprakranke besonders rasch durch Tuberkulose dahingerafft.

Ausgangspunkt der Entdeckung seien in Israel gefundene, menschliche Überreste gewesen, erläutert Mark Spigelman vom University College London. "Der nahe Jerusalem gefundene Körper stammt aus dem ersten Jahrhundert nach Christus. Die normale Begräbnispraxis zu jener Zeit war, Verstorbene in Tuch zu hüllen und die Knochen nach einiger Zeit in einem Ossuarium zu bestatten. In diesem Fall war der Körper jedoch nicht begraben worden - dafür musste es einen guten Grund geben."

Zu ihrer Überraschung fanden die Forscher an dem Skelett Spuren nicht nur von Tuberkulose, sondern auch von Lepra. Daraufhin nahmen sie weitere menschliche Überreste aus dem 1. bis 15. Jahrhundert unter die Lupe. Wie sie im Fachblatt "Proceedings of the Royal Society: Biological Sciences" berichten, konnten sie in 42 Prozent aller Fälle DNA beider Erreger nachweisen, Mycobacterium tuberculosis und Mycobacterium leprae. "Offenbar haben wir es hier mit einem sehr häufigen, bislang jedoch übersehenen Phänomen einer Koinfektion zu tun", so Spigelmans Kollegin Helen Donoghue.

Bis ins Mittelalter war die Lepra in Europa weit verbreitet, wurde dann jedoch seltener, während sich die Tuberkulose ausbreitete. Die Forscher vermuten nun, dass beide Entwicklungen nicht unabhängig voneinander waren. "Eine Schwächung des Immunsystems durch Lepra, im Verein mit Stress, Armut und Mangelernährung der stigmatisierten und sozial ausgegrenzten Erkrankten, könnte den Boden für eine opportunistische Koinfektion mit Tuberkulose und damit für einen rascheren Tod bereitet haben", erläutert Donoghue. Im Laufe der Zeit wäre so die Zahl der Leprakranken reduziert worden.


Forschung: Helen D. Donoghue und Mark Spigelman, Center for Infectious Diseases and International Health, University College London; und andere

Veröffentlichung in Proceedings of the Royal Society: Biological Sciences

WWW:
Center for Infectious Diseases and International Health, UCL
Tuberkulose
Mycobacteria

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