2.3.2005, 19:01 Uhr
Pianistin schmeckt Tonsprünge

Bei einigen Menschen besteht eine Querverbindung zwischen unterschiedlichen Sinnen, beispielsweise sehen sie Zahlen in unterschiedlichen Farben. Einen extrem ungewöhnlichen Fall einer solchen Synästhesie beschreiben drei schweizerische Neurowissenschaftler im Magazin "Nature". Die von ihnen getestete Pianistin kann unterschiedliche Tonintervalle schmecken - und sogar Nutzen aus dieser Fähigkeit ziehen.

"Unseres Wissens nach, ist diese Kombination von induzierendem Reiz und damit einhergehender Wahrnehmung nie zuvor beschrieben worden", so die Forscher um Lutz Jäncke von der Universität Zürich. Darüber hinaus seien bei der Frau bestimmte Töne mit bestimmten Farben verknüpft, beispielsweise das C mit Rot und das Fis mit Violett.

Über ein Jahr lang testeten die Forscher die Pianistin immer wieder. Dabei gingen bestimmte Tonintervalle stets mit den gleichen Geschmackswahrnehmungen einher. Hörte die Frau etwa eine kleine Terz (das "Hänschen-klein-Intervall"), verspürte sie einen salzigen Geschmack auf der Zunge, bei der einen Halbton weiteren großen Terz dagegen einen süßen Geschmack. Die Quint ging mit dem Geschmack von reinem Wasser einher, die kleine Septime mit dem von Sahne, die große Septime mit dem von fettarmer Sahne. Insgesamt waren konsonante Intervalle eher mit angenehmen, dissonante Intervalle dagegen mit unangenehmen Wahrnehmungen verknüpft. Der Tritonus löste sogar Ekel aus.

Wie eng die Verknüpfung zwischen Gehör und Geschmack bei der Pianistin ist, zeigten Versuche, bei denen sie Tonintervalle identifizieren musste und gleichzeitig saure, süße, bittere bzw. salzige Lösungen auf die Zunge getropft bekam. Passten Geschmack und Tonintervall für die Frau zusammen, konnte sie das Intervall binnen 0,4 Sekunden benennen. Passten die beiden Reize nicht zusammen, etwa eine große Terz und Zitronensäure, benötigte sie doppelt so lang. Unter normalen Umständen benötigte sie 0,6 Sekunden und damit ebenso lang wie nicht synästhetische Kollegen.


Forschung: Gian Beeli, Michaela Esslen und Lutz Jäncke, Psychologisches Institut der Universität Zürich

Veröffentlicht in Nature, Vol. 434, 3. März 2005, p 38

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Homepage der Arbeitsgruppe
Synästhesie
Wie Menschen zu einer Aura kommen

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