22.8.2005, 11:27 Uhr
Grundton von links, Klangfarbe von rechts

Klänge werden von verschiedenen Personen unterschiedlich wahrgenommen. Dieses Phänomen spiegelt sich auch im Gehirn wider, haben Heidelberger Mediziner und Physiker gemeinsam mit britischen und niederländischen Kollegen entdeckt. Wer eher auf die Klangfarbe achtet, hat mehr graue Substanz im Hörzentrum der rechten Gehirnhälfte. Wer stärker den Grundton hört, neigt dagegen zur Linkslastigkeit, berichtet die Gruppe im Fachblatt "Nature Neuroscience".

"Die beiden Hörtypen gibt es auch bei unmusikalischen Menschen", erklärt Peter Schneider von der Neurologischen Universitätsklinik Heidelberg. Der Physiker und Kirchenmusiker und seine Kollegen untersuchten insgesamt 420 Personen, darunter Mitglieder des Royal Liverpool Philharmonic Orchestra, Musikstudenten und Amateurmusiker, aber auch Nichtmusiker.

Grafik: Gehirn-Asymmetrie in der Orchester-Sitzordnung

Die Gehirn-Asymmetrie stimmt auch mit der Sitzordnung im Orchester überein. Grafik: Schneider et al./Universitätsklinikum Heidelberg

Klänge enthalten neben dem Grundton eine Vielzahl weiterer Tonfrequenzen. Diese Obertöne bestimmen die Klangfarbe und erlauben so beispielsweise die Unterscheidung von Violine und Cello. Schneider und Kollegen spielten ihren Probanden nun Folgen von Klängen vor, die verschiedene Obertöne enthielten, nicht jedoch den Grundton. Je nachdem, ob sich die Teilnehmer eher nach den gehörten Obertönen richteten oder nach dem im Geiste rekonstruierten Grundton, nahmen sie die Klangfolgen als auf- oder absteigend wahr.

Die Untersuchung von 87 Teilnehmern per Magnetresonanztomographie (Kernspin) und Magnetenzephalographie zeigte, dass diese Präferenzen mit einer Asymmetrie im Gehirn einhergehen: Bei Obertonhörern war die Heschlsche Querwindung in der rechten Hirnhälfte stärker entwickelt als in der linken, bei Grundtonhörern war es umgekehrt.

"Obertonhörer können lang ausgehaltene Klänge und Klangfarben besser wahrnehmen", erläutert Schneider. Grundtonhörer bevorzugten dagegen kurze Klänge und fielen durch virtuosere Spieltechnik und ausgefeilteres Rhythmusgefühl auf. In einer weiteren Studie hatten der Physiker und seine Kollegen zeigen können, dass Orchestermusiker ihr Instrument auch nach ihrem Hörtyp ausgewählt haben: Grundtonhörer spielen bevorzugt Schlagzeug, Klavier oder hohe Melodieinstrumente, Obertonhörer dagegen eher tiefe Melodieinstrumente wie Cello, Fagott oder Tuba.


Forschung: Peter Schneider, Michael Scherg und André Rupp, Sektion Biomagnetismus, Neurologische Klinik, Universitätsklinikum Heidelberg; und andere

Online-Veröffentlichung Nature Neuroscience, 21. August 2005, DOI 10.1038/nn1530

WWW:
Homepage der Heidelberger Arbeitsgruppe
Obertöne
Ohr und Hörbahn
Holzpilze für Wohlklang
Musizieren verschiebt Prioritäten im Gehirn

[Zurück]


Dies ist eine Archiv-Datei. Wir bitten um Verständnis, dass Links und Inhalte nicht mehr aktualisiert werden. Zum Aufruf des aktuellen Sciencetickers klicken Sie bitte auf eine Rubrik aus der linken Spalte.


Werbung: