29.6.2005, 19:12 Uhr
Kein Schlaf für Walmütter

Menschliche Eltern wissen nur zu gut, dass Säuglinge einem den Schlaf rauben können. Sehr viel extremer sind die Verhältnisse bei Walen, berichten amerikanische und russische Forscher im Magazin "Nature". Bei Schwertwalen und Großen Tümmlern bleiben Mutter und Kalb nach der Geburt wochenlang ohne Pause wach.

Dieses Resultat sei umso erstaunlicher, als langfristiger Schlafentzug bei allen bislang studierten Säugern und Insekten verheerende Folgen habe, erläutert Jerome Siegel von der University of California in Los Angeles. "Diese Meeresbewohner haben irgendwie einen Weg gefunden, mit Schlafmangel zurechtzukommen, und so eine entscheidende Entwicklungsphase erst zu ermöglichen, statt sie zu behindern."

Siegel und seine Kollegen beobachteten in Gefangenschaft lebende Schwertwale (Orcinus orca) und Große Tümmler (Tursiops truncatus). Normalerweise schliefen die Tiere mehrere Stunden pro Tag und trieben dabei an der Wasseroberfläche oder am Beckenboden. Das änderte sich mit der Geburt eines Kalbes: Die Jungtiere mussten in Abständen von einigen Sekunden zum Atmen an die Wasseroberfläche und gleichzeitig ein Auge auf ihre Mütter halten. Diese hielten den Nachwuchs in Bewegung, indem sie fortwährend im Becken umherschwammen.

Die ersten Wochen nach der Geburt verbrachten Kuh und Kalb so praktisch ohne Schlaf, schreiben Siegel und Kollegen. Erst ab der dritten Woche begannen die Muttertiere, sich allmählich immer ausgedehntere Nickerchen zu gönnen. Allerdings brauchten sie Monate, um wieder auf ihr altes Schlafpensum zu kommen. Nach Ansicht der Forscher bedeutet diese erstaunliche Fähigkeit klare Vorteile für die Tiere: Wach und in Bewegung, seien sie vor Räubern und das Kalb bis zur Entwicklung seiner Speckschicht zudem vor Auskühlung geschützt.


Forschung: Oleg Lyamin und Jerome Siegel, Center for Sleep Research, Department of Psychiatry, University of California, Los Angeles, und Veterans' Affairs Greater Los Angeles Healthcare System, North Hills, und Utrish Dolphinarium, Moskau; und andere

Veröffentlicht in Nature, Vol. 435, 30. Juni 2005, p 1177

WWW:
Siegel Lab
Cetaceen.de
Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin

[Zurück]


Dies ist eine Archiv-Datei. Wir bitten um Verständnis, dass Links und Inhalte nicht mehr aktualisiert werden. Zum Aufruf des aktuellen Sciencetickers klicken Sie bitte auf eine Rubrik aus der linken Spalte.


Werbung: