1.11.2005, 20:54 Uhr
Schmerzfrei: Der Blick in den Spiegel trickst das Gehirn aus
Manche Menschen entwickeln nach Stößen oder Knochenbrüchen starke chronische Schmerzen. Die betroffenen Glieder schwellen an, motorische Störungen können auftreten. Das Leiden heißt Komplexes Regionales Schmerzsyndrom ("Complex Regional Pain Syndrome", CRPS). Eine britische Ärztin hat jetzt einen Weg gefunden, Betroffene ohne Schmerzmittel zu helfen.
Für das CRPS ist vermutlich eine "Fehlschaltung" im Gehirn verantwortlich. Sie bewirkt, dass sich das zentrale Nervensystem auf die Wahrnehmung des Schmerzes konzentriert und ihn so noch verstärkt. Candy McCabe von der University of Bath ist es gelungen, das Gehirn auf einfache Weise auszutricksen.
Die Ärztin experimentierte mit acht CRPS-Patienten vor einem präparierten Spiegel. Die Patienten sahen darin nur ihre gesunde Hälfte, die über die andere mit dem schmerzenden Körperteil gespiegelt wurde. Im Spiegelbild wurde so das schmerzende gegen das gesunde Glied regelrecht ausgetauscht. Die Patienten mussten sich dann auf den Anblick konzentrieren und ihn als ihren wahren Körper annehmen.
"Drei der Teilnehmer waren augenblicklich schmerzfrei, bei den anderen dauerte es nur etwas länger", berichtete McCabe dem Magazin "New Scientist"; "allerdings kehrten nach Entfernung des Spiegels die Schmerzen zurück." Mehrere längere Spiegel-Sitzungen waren nötig, um sechs Patienten schließlich heilen können. Die beiden anderen Patienten litten neben den chronischen Schmerzen noch an weiteren Krankheiten.
Wie leicht sich das Gehirn austricksen lässt, wies McCabe in Versuchen mit weiteren 41 gesunden Teilnehmern nach. Diesen wurde vor ähnlichen Spiegeln die eine Hälfte ihres Körpers überblendet. Dann sollten sie mit jenem Arm, den sie nicht sehen konnten, Bewegungen ausführen. Weil die Teilnehmer sich gleichzeitig am Spiegelbild zu orientieren hatten, bewegten sie den ausgeblendeten Arm nur unkoordiniert. Fast gleichzeitig traten Nervenstörungen auf, die von leichtem Kribbeln bis zu Schmerzen reichten. Mancher Teilnehmer brach den versuch schon nach 20 Sekunden ab. Die Versuche sollen zu Therapien für weitere Nervenkrankheiten führen.
Forschung: Candy McCabe, Royal National Hospital for Rheumatic Diseases
Text im New Scientist
Royal National Hospital for Rheumatic Diseases
CRPS Zentrum, Uniklinikum München
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