2.11.2005, 14:29 Uhr
Forscher: Familiäres Krebsrisiko wird überschätzt

Wenn mehrere Krebsfälle in einer Familie auftreten, liegt die Ursache weniger oft in Erbgut oder Umwelt als bislang angenommen. Zu diesem Schluss kommt ein deutsch-schwedisches Forscherduo im "Journal of the National Cancer Institute". Der erste Krebsfall scheint die Verwandten aufzuschrecken, sodass diese häufiger zu Vorsorgeuntersuchungen gehen. Auf diese Weise werden auch solche Tumoren entdeckt, die ansonsten unauffällig geblieben wären.

"Unsere Daten zeigen deutlich, dass eine Krebserkrankung eines nahen Angehörigen das familiäre Krebsrisiko künstlich steigert", erklärt Kari Hemminki vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg und vom Karolinska Institutet in Huddinge. "Dieser Effekt sollte bei der medizinischen Beratung zu familiären Krebsrisiken unbedingt berücksichtigt werden, um die Rat Suchenden nicht unnötig zu verunsichern."

Sollte die Signalwirkung des "ersten" Krebsfalles in einer Familie tatsächlich eine Rolle spielen, so die Überlegung Hemminkis und seines Kollegen Justo Lorenzo Bermejo, sollten im ersten Jahr nach dessen Diagnose besonders häufig weitere Fälle entdeckt werden. Tatsächlich fanden die beiden Epidemiologen dieses Muster in den im schwedischen Familienkrebsregister gespeicherten Daten von 1,68 Millionen Geschwistern und Kindern von fast 0,85 Millionen Krebspatienten.

So wurde bei Töchtern von Brustkrebs-Patientinnen im ersten Jahr nach der Diagnose 4,78-mal häufiger lokal begrenzter Brustkrebs festgestellt als in der Allgemeinbevölkerung. Fünf Jahre nach der Diagnose betrug der Faktor noch 1,97. Ähnlich bei Kindern von Melanom-Patienten: Im ersten bzw. fünften Jahr nach der Diagnose wurde der aggressive Hautkrebs bei ihnen 8,27-mal bzw. 3,18-mal häufiger diagnostiziert als in der Allgemeinbevölkerung. Auch bei Geschwistern von Patienten mit Brust-, Gebärmutterhals- oder Prostatakrebs fand das Forscherduo einen solchen vorübergehenden Anstieg der Diagnoserate.


Forschung: Justo Lorenzo Bermejo und Kari Hemminki, Abteilung Molekulargenetische Epidemiologie, Deutsches Krebsforschungszentrum, Heidelberg, und Department of Biosciences at Novum, Karolinska Institute, Huddinge

Veröffentlicht in Journal of the National Cancer Institute, Vol. 97(21), 2. November 2005, pp 1575-9, DOI 10.1093/jnci/dji338

WWW:
Deutsches Krebsforschungszentrum
- Vererbung und Risikogene
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Viele Gene führen zu familiärem Krebs
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