24.11.2005, 20:02 Uhr
Eisberg dröhnt wie ein Gong

Wale sind nicht die einzigen singenden Riesen im Südpolarmeer. Auch Eisberge produzieren beeindruckende, wenn auch deutlich tiefere Klänge, haben Bremerhavener Forscher entdeckt. Diese Geräusche haben gewisse Ähnlichkeit mit dem Dröhnen eines enormen Gongs - wenn der Eisberg nicht gerade von der Strömung über den Meeresboden geschleift wird.

Möglicherweise entstehen die gongähnlichen Klänge, indem Wasser durch die zahlreichen Tunnel und Klüfte in dem Eisberg gepresst wird und ihn so in Schwingung versetzt, spekulieren die Forscher um Christian Müller von der Fielax GmbH und vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. Dies könnte geschehen, wenn der Eisriese hin und her schaukle, sich drehe oder seine Geschwindigkeit ändere.

Foto: Ein Eisberg

Foto: Michael Van Woert, National Oceanic and Atmospheric Administration/Department of Commerce

Aufgezeichnet wurden die Geräusche von einem Netzwerk aus vier Messstationen, die in der Nähe der deutschen Antarktisstation Neumayer an der Küste des Dronning Maud Land installiert waren. Im Zeitraum Juli bis November 2000 fingen die Sensoren immer wieder seismische Schwingungen auf, die über mehrere Stunden andauerten. Zeitweise enthielten sie eine klare Grundschwingung von etwa 0,5 Hertz und bis zu 30 Obertöne, zeitweise ähnelten sie eher einer seismischen Kakophonie. Zweimal gingen ihnen sogar kleinere Erdbeben voraus.

Das Anpeilen der Geräuschquelle bzw. der Bebenzentren führten die Forscher schließlich zu B-09A. Rund 50 Kilometer lang und 30 Kilometer breit, hatte dieser Eisberg gut zwei Jahre zuvor seine Reise um die halbe Antarktis angetreten und kam auf seinem Westkurs nun auch an der Neumayer-Station vorbei. Dabei wurde er von der Strömung immer wieder gegen Untiefen gedrückt und darüber geschleift. Diese unsanften Kontakte und das Zerbrechen eines Teils der Eismassen könnten die chaotischen Schwingungen erklären, vermuten Müller und seine Kollegen. Indem der Riese wieder freikam und sich erneut im Wasser einpendelte, könnte er dann das harmonische Dröhnen produziert haben.


Forschung: Christian Müller, Vera Schlindwein, Alfons Eckstaller und Heinrich Miller, Fielax Gesellschaft fürr wissenschaftliche Datenverarbeitung mbH und Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung, Bremerhaven

Veröffentlicht in Science, Vol. 310, 25. November 2005, pp 1299, DOI 10.1126/science.1117145

WWW:
Alfred-Wegener-Institut, Bremerhaven
- Neumayer-Station
Fielax Gesellschaft für wissenschaftliche Datenverarbeitung
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