17.1.2006, 7:52 Uhr
Unerkannte Pflanzenvielfalt in der Arktis

Die pflanzliche Vielfalt in den kühlsten Regionen der Erde ist vielleicht größer als gemeinhin angenommen. Zu diesem Schluss kommen norwegische und amerikanische Biologen nach Kreuzungsversuchen mit Felsenblümchen. Obwohl die gekreuzten Pflanzen rein äußerlich gleichen Arten angehörten, ergaben sich in den wenigsten Fällen fruchtbare Nachkommen.

"Die arktische Flora gilt seit langem als arm an Arten", schreiben die Forscher um Christian Brochmann von der Universität Oslo im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences". Die Abnahme der Artenvielfalt mit zunehmender geographischer Breite sei sogar eines der ältesten bekannten Muster der Ökologie. Möglicherweise habe man sich dabei jedoch zu sehr von "Äußerlichkeiten" leiten lassen.

In ihrem Gewächshaus in Oslo sammelten Brochmann und Kollegen Vertreter dreier Felsenblümchen-Arten (Draba fladnizensis, D. nivalis und D. subcapitata) aus Alaska, von Grönland, vom norwegischen Festland und von den Svalbard-Inseln. Versuchsweise kreuzten die Forscher Individuen, die aufgrund ihres Baus und Wuchses als Angehörige der gleichen Art galten - und daher gemäß einer klassischen Definition auch fruchtbare Nachkommen hervorbringen sollten. In den meisten Fällen waren die Nachkommen jedoch steril.

Obwohl die 79 Elternpflanzen sehr wohl fruchtbar waren, waren nur 10 von 16 Kreuzungsversuchen mit Individuen aus gleichen Populationen erfolgreich. Je weiter die jeweiligen Fundorte auseinander lagen, desto niedriger war die Erfolgsquote: Wurden etwa Draba fladnizensis aus Zentralalaska und von Grönland gekreuzt, waren sämtliche Nachkommen steril.

Wahrscheinliche Ursache für dieses Phänomen sei, dass sich alle drei Felsenblümchen-Arten meist durch Selbstbestäubung fortpflanzten, so Brochmann und Kollegen. Offenbar sammelten sich dabei immer mehr Mutationen im Erbgut der Nachkommen an, sodass diese schließlich nur noch untereinander kreuzbar seien - wenn überhaupt. "Obwohl die Arktis relativ arm an morphologischen Arten ist, könnte sie reich an kryptischen biologischen Arten sein", schließen die Forscher.


Forschung: Hanne Hegre Grundt, Siri Kjølner, Liv Borgen und Christian Brochmann, National Centre for Biosystematics, Naturhistorisk Museum, Universitetet i Oslo; Loren H. Rieseberg, Department of Biology, Indiana University, Bloomington

Veröffentlichung Proceedings of the National Academy of Sciences, DOI 10.1073/pnas.0510270103

WWW:
National Centre for Biosystematics, Uni Oslo
Felsenblümchen
The Genus Draba
Der Artbegriff
Diffuse Abgrenzung

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