5.12.2005, 19:37 Uhr
Grünschwache sehen manchmal mehr

Etwa jeder zwanzigste Mann trägt einen veränderten Farbrezeptor in den Augen. Dass die resultierende "Grünschwäche" unter Umständen sogar eine Stärke sein kann, belegen neue Versuche britischer Psychologen. Demnach können die Betroffenen Farbtafeln auseinanderhalten, die Normalsichtigen als völlig gleich erscheinen.

Dieses Resultat könne vielleicht erklären helfen, warum die Grünschwäche (Deuteranomalie) so verbreitet ist, schreiben die Forscher um John Mollon von der University of Cambridge im Fachblatt "Current Biology". "Der alternative Phänotyp könnte sich erhalten haben, da er das Entdecken von Raubtieren oder Nahrung ermöglichte, die für andere weniger gut sichtbar waren."

In der menschlichen Netzhaut finden sich drei Typen von Farbrezeptoren, die vornehmlich auf Licht kurzer (blau), mittlerer (grün) und langer (rot) Wellenlänge ansprechen. Bei Menschen mit Grünschwäche ist das auf dem X-Chromosom liegende Gen für den Grünrezeptor so verändert, dass dieser auf längerwelliges Licht als normal reagiert. Dennoch unterscheidet sich sein Ansprechverhalten von dem des Rotrezeptors. Mollon und Kollegen gelang es nun, den veränderten Grünrezeptor so zu "kitzeln", dass dieser feine Unterschied zum Tragen kam.

Aus je zwei Typen von gelben und blauen Pigmenten mischten die Forscher unterschiedliche Grüntöne zusammen und fragten sieben normalsichtige und drei grünschwache Männer, als wie ähnlich bzw. unterschiedlich sie die Farbtöne wahrnahmen. Anders als die Normalsichtigen, konnten die Grünschwachen klar unterscheiden, wo der eine und wo der andere Pigmenttyp verwendet worden war.

Als nächstes wollen Mollon und Kollegen Frauen untersuchen, die je eine normale und eine veränderte Version des Grünrezeptor-Gens tragen und in deren Netzhaut sich daher vier unterschiedliche Farbrezeptoren finden. Möglicherweise vereinen sie in sich die feinen Unterscheidungsfähigkeiten grünschwacher und normalsichtiger Männer.


Forschung: J.M. Bosten, J.D. Robinson und John D. Mellon, Department of Experimental Psychology, University of Cambridge; Gabriele Jordan, Institute of Neuroscience, University of Newcastle upon Tyne

Veröffentlichung Current Biology, Vol. 15, 6. Dezember 2005, R950-R952

WWW:
Vision Lab, University of Cambridge
Colour Perceptin in Everyday Life
Pingelap: Island of the Colorblind
Farben entstehen im Gehirn
Mehr Kontrast: Fledermäuse sehen Breitband

[Zurück]


Dies ist eine Archiv-Datei. Wir bitten um Verständnis, dass Links und Inhalte nicht mehr aktualisiert werden. Zum Aufruf des aktuellen Sciencetickers klicken Sie bitte auf eine Rubrik aus der linken Spalte.


Werbung: