29.11.2005, 18:24 Uhr
Das "Körperbild" entsteht im Kopf

Der Körper weiß nicht per se, wie dick oder dünn er ist. Vielmehr muss sich das Gehirn dieses Wissen anhand unterschiedlicher Informationsquellen zurechtreimen, berichten britische und japanische Neurowissenschaftlicher im Fachblatt "PLoS Biology". Durch einen verblüffenden Trick vermittelten sie ihren Probanden den Eindruck, ihr Hüftumfang sei schlagartig um ein Viertel geschrumpft.

"Anders als im Falle elementarer Sinne wie für die Bewegung von Gliedern, Berührung oder Schmerz, gibt es im Körper keine speziellen Rezeptoren, die Information über Größe und Form von Körperteilen an das Gehirn senden", erläutert Henrik Ehrsson vom University College London. "Stattdessen scheint sich das Gehirn eine Karte des Körpers zu erstellen, indem es Signale aus Haut, Gelenken und Muskeln und anderen relevanten Körperteilen und auch optische Hinweise verarbeitet."

Ehrsson und seine Kollegen ließen 17 Männer und Frauen eine Sinnestäuschung erfahren, die als "Pinocchio-Illusion" bekannt ist. Die Teilnehmer lagen entspannt auf dem Rücken und hatten die Handflächen seitlich an die Hüfte gelegt. Dann wurde die Haut über den Handgelenk-Streckmuskeln in leichte Vibration versetzt. Prompt meinten die Teilnehmer zu spüren, wie ihre Hände nach innen abknickten. Gleichzeitig meldeten die Tastsensoren in ihren Handflächen jedoch weiterhin den Kontakt zur Hüfte. Das Resultat: Die Teilnehmer hatten den Eindruck, ihre Hüften würden um bis zu 28 Prozent schmaler werden.

Während der Versuche kartierten Ehrsson und Kollegen die Gehirnaktivität der Teilnehmer. Je stärker die Sinnestäuschung war, desto aktiver wurde eine kleine Region im linken Scheitellappen. Die Eingangsstation für Körpersignale im Großhirn, der somatosensorische Kortex, schien dagegen vollkommen unbeeindruckt von der Illusion. Diese blieb zudem aus, wenn die Hände nicht an, sondern neben den Hüften lagen. Daher schließen die Forscher, dass die einander widersprechenden Signale aus Tastsensoren und Muskulatur übergeordnete Gehirninstanzen dazu veranlassten, kurzerhand ihr Körperbild zu korrigieren.


Forschung: H. Henrik Ehrsson und Richard E. Passingham, Wellcome Department of Imaging Neuroscience, Institute of Neurology, University College London; Tomonori Kito und Eiichi Naito, Graduate School of Human and Environmental Studies, Kyoto University

Veröffentlicht in PLoS Biology, Vol. 3(12), e412, DOI 10.1371/journal.pbio.0030412

WWW:
Institut of Neurology, UCL
Die Architektur des Gehirns
Das "Ich" festhalten
Schmerzfrei: Blick in den Spiegel trickst das Gehirn aus
Farben enstehen im Gehirn

[Zurück]


Dies ist eine Archiv-Datei. Wir bitten um Verständnis, dass Links und Inhalte nicht mehr aktualisiert werden. Zum Aufruf des aktuellen Sciencetickers klicken Sie bitte auf eine Rubrik aus der linken Spalte.


Werbung: