5.12.2005, 11:22 Uhr
Bienen erkennen menschliche Gesichter

Trotz ihrer hochgezüchteten Hirne können Menschen einzelne Bienen kaum auseinanderhalten. Umgekehrt gilt dies sehr wohl, berichtet ein internationales Forschertrio im "Journal of Experimental Biology". Obschon sie lediglich eine Million Nervenzellen besitzen, können Honigbienen menschliche Gesichter unterscheiden und nach längerer Zeit wiedererkennen.

Dieses Resultat werfe neues Licht auf die Frage, ob zur Erkennung eines Artgenossen artspezifische Gehirnschaltkreise nötig seien, erläutert Adrian Dyer von der La Trobe University in Melbourne. Zudem könnte es möglicherweise helfen, verlässliche technische Systeme zur Gesichtserkennung zu entwickeln. Dyer führte seine Versuche in der Arbeitsgruppe von Christa Neumeyer an der Universität Mainz durch.

Der Forscher befestigte Schwarzweiß-Aufnahmen menschlicher Gesichter auf einer Tafel und versah sie mit kleinen Landeplattformen samt Töpfchen mit Zuckerlösung oder bitterer Chininlösung. Im Laufe vieler mühseliger Trainingseinheiten brachte er Honigbienen (Apis mellifera) bei, die Fotos mit Belohnung oder Bestrafung in Verbindung zu bringen. Hatten die Immen dies erst einmal begriffen, erkannten sie einzelne Gesichter mit einer Verlässlichkeit von über 80 Prozent - und das auch dann, wenn die Positionen der Fotos vertauscht oder die "Honigtöpfe" entfernt wurden. Die Trefferquote sank allerdings deutlich, wenn die Bilder auf den Kopf gestellt wurden.

"Weitere Tests zeigten, dass die Bienen Langzeiterinnerungen gebildet hatten und ein bestimmtes Gesicht noch zwei Tage später erkennen konnten", so Dyer. Diese Fähigkeit sei umso erstaunlicher, als die Fotos aus einem psychologischen Standardtest stammten, mit dem auch Menschen mitunter ihre Probleme hätten.

Offenbar brauche es für die Gesichtserkennung nicht unbedingt spezialisierte Nervenschaltkreise, erläutert Dyers und Neumeyers Kollege Lars Chittka vom Queen Mary College der University of London. "Bienen haben ihre Mustererkennungs-Fähigkeiten in einem völlig anderen Kontext entwickelt - der Erkennung von Blüten - und erweisen sich als wunderbar flexibel darin, diese Fähigkeiten auf andere Muster zu übertragen, Gesichter eingeschlossen."


Forschung: Adrian Dyer und Christa Neumeyer, Institut für Zoologie, Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und Clinical Vision Sciences, La Trobe University, Melbourne; Lars Chittka, School of Biological Sciences, Queen Mary, University of London

Veröffentlichung Journal of Experimental Biology, Vol. 208, 15. Dezember 2005, pp 4709-14, DOI 10.1242/jeb.01929

WWW:
Homepage Adrian Dyer
AG Neumeyer, Uni Mainz
The World Through the Eyes of a Bee
Gesichtserkennung
Robuster Cache im Bienenhirn
Bienen: Zwei im Sinn

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