10.11.2005, 20:22 Uhr
Europäer stammen von Jägern und Sammlern ab

In den Adern der modernen Europäer fließt das Blut altsteinzeitlicher Jäger und Sammler. Zu diesem Schluss kommen deutsche, englische und estnische Forscher im Magazin "Science". Die ersten Bauern, die in der Jungsteinzeit die Landwirtschaft nach Mitteleuropa brachten, haben demnach kaum zum Genpool der heutigen Bevölkerung Europas beigetragen.

"Dies ist eine Überraschung", erklärt Joachim Burger von der Universität Mainz. "Ich hatte erwartet, dass die Verteilung mitochondrialer DNA bei jenen ersten Bauern mehr Ähnlichkeit mit der heutigen Verteilung in Europa haben würde." Tatsächlich jedoch besaß etwa jeder vierte der jungsteinzeitlichen Bauern einen Satz genetischer Varianten, der sich heute bei nur einem von 500 Europäern findet.

Foto: Skelett in einem jungsteinzeitlichen Grab bei Halberstadt

Jungsteinzeitliches Grab bei Halberstadt. Foto: Copyright Science

Die Landwirtschaft wurde vor etwa 12.000 Jahren entwickelt. Vom fruchtbaren Halbmond kommend, gelangte sie über Anatolien nach Norden und erreichte vor etwa 7.500 Jahren Mitteleuropa. Seit langem diskutieren Anthropologen, Archäologen und Genetiker darüber, wie stark die ersten Bauern einerseits und die seit 40.000 Jahren ansässigen Jäger und Sammler andererseits zum Erbgut der heutigen Europäer beigetragen haben.

Burger und seine Kollegen analysierten nun 57 Skelette von jungsteinzeitlichen Bauern, die aus Fundstätten in Deutschland, Österreich und Ungarn stammen. Aus 24 Skeletten konnten die Forscher bestimmte Abschnitte aus dem Genom der nahezu ausschließlich mütterlich vererbten Mitochondrien, der Zellkraftwerke, sequenzieren. In 18 Fällen gehörten die Sequenzvarianten zu derart weit verbreiteten Typen, dass sie nicht zur Klärung der Frage beitragen konnten. Die übrigen sechs Individuen besaßen jedoch einen Sequenztyp, wie er bei nur 0,2 Prozent der heutigen Europäer vorkommt.

Den Computersimulationen der Forscher zufolge, kann diese unterschiedliche Häufigkeit weder durch Sequenzveränderungen noch durch Wanderungsbewegungen erklärt werden. "Diese Simulationen bestätigen, dass die ersten Bauern in Mitteleuropa den weiblichen Abstammungslinien der modernen Europäer in nur begrenztem Umfang ihren genetischen Stempel aufprägen konnten", folgern Burger und Kollegen. Dies stehe im deutlichen Gegensatz zum Erfolg der von ihnen eingeführten Landwirtschaft.


Forschung: Wolfgang Haak, Barbara Bramanti und Joachim Burger, Institut für Anthropologie, Johannes-Gutenberg-Universität Mainz; Peter Forster und Colin Renfrew, McDonald Institute for Archaeological Research, University of Cambridge; und andere

Veröffentlicht in Science, Vol. 310, 11. November 2005, pp 1016-8

WWW:
Institut für Anthropologie, Uni Mainz
Agrargeschichte
Origins of Agriculture
Erste Bauern: Köpfe statt Köpfchen

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