3.11.2005, 18:43 Uhr
Erstes Risikogen für Legasthenie identifiziert
Schon lange wird vermutet, dass die Erbanlagen bei der Entstehung der Lese-Rechtschreibschwäche eine wichtige Rolle spielen. Eine deutsch-schwedische Arbeitsgruppe hat nun erstmals ein Gen identifiziert, dessen Varianten zur Entstehung der Störung beizutragen scheinen. Ihre Resultate präsentieren die Forscher demnächst im "American Journal of Human Genetics".
Vier bis sechs Prozent der Bevölkerung, entsprechend etwa fünf Millionen Menschen in Deutschland, haben große Schwierigkeiten, Lesen und Schreiben zu lernen. Trotz normaler Intelligenz können sie Wörter und Texte nur zögerlich entziffern. Schulängste, Depressionen und sogar Selbstmordgedanken können Folgen der resultierenden Schwierigkeiten im Unterricht sein.
Über mehrere Jahre hatten Gerd Schulte-Körne von der Universität Marburg und seine Kollegen nach Familien mit mindestens einem betroffenen Kind gefahndet. Bei der Analyse von Blutproben der Familienmitglieder wurden sie auf eine Region auf dem kurzen Arm des Chromosoms 6 aufmerksam, die schon früher mit der Lese-Rechtschreibschwäche in Verbindung gebracht worden war. Durch Untersuchung mehrerer Hundert Familien gelang es den Forschern nun, ein einzelnes Gen in dieser Region einzukreisen.
Welche Funktion das Gen mit der eher provisorischen Bezeichnung DCDC2 - kurz für "doublecortin domain containing 2" - ausübt, ist derzeit noch unklar. "Das Gen spielt anscheinend in der Entwicklung des Gehirns eine Rolle, genauer gesagt bei der Wanderung von Nervenzellen im sich entwickelnden Gehirn", erläutert Markus Nöthen von der Universität Bonn, einer der beteiligten Forscher. Möglicherweise beeinträchtigten bestimmte Varianten des Gens diesen Prozess und damit letztlich die Verarbeitung von Sprachinformationen beim Lesen und Schreiben.
Forschung: Johannes Schumacher und Peter Propping, Institut für Humangenetik, Universitätsklinikum Bonn; Heide Anthoni und Juha Kere, Department of Biosciences at Novum und Clinical Research Center, Karolinska Institute, Huddinge; Gerd Schulte-Körne, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Philipps-Universität Marburg; und andere
Vorab-Veröffentlichung American Journal of Human Genetics, 2. November 2005
WWW:
Forschungsgruppe Legasthenie, Uni Marburg
- Häufige Fragen zur Legasthenie
Arbeitsgruppe Psychiatrische Genetik, Uni Bonn
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