4.11.2005, 15:46 Uhr
Stroh und Bäume werden "tankbar"
Rein rechnerisch könnten Stroh, Restholz oder Altpapier schon heute ein Zehntel des Kraftstoffbedarfs in Deutschland decken. Mit einem Verfahren zur "Verflüssigung" von Biomasse will das Forschungszentrum Karlsruhe dieses Potenzial auch nutzbar machen. Eine entsprechende Anlage wird nun auf dem Gelände der Einrichtung errichtet.
Alle Einzelschritte des "bioliq"-Verfahrens seien bereits erprobt worden, erläutert Eckhard Dinjus, Institutsleiter an dem Karlsruher Forschungszentrum. "Jetzt wollen wir den Gesamtprozess in einer Pilotanlage zusammenführen. Auf der einen Seite werden wir die Anlage mit Stroh füttern, auf der anderen werden wir mit High-Tech-Kraftstoff unsere Autos betanken." Die Automobilindustrie oder etwa China mit seinem rapide wachsenden Energiebedarf hätten bereits Interesse bekundet.
Angesichts schwindender Vorräte und steigender Preise wird immer stärker nach Alternativen für Mineralöl gesucht. Biomasse ist jedoch über zu große Flächen verteilt und besitzt eine zu geringe Energiedichte, als dass sie direkt als Alternative genutzt werden könnte. Im Rahmen des Karlsruher Verfahrens soll sie daher in dezentralen Anlagen verdichtet werden. In einer zentralen Anlage wird sie dann nahezu vollständig in ihre Bestandteile zerlegt, aus denen wiederum Kraftstoffe und andere Rohstoffe hergestellt werden. Ein Liter solchen Kraftstoffs dürfte etwa einen Euro kosten, schätzen die Forscher.
Als Ausgangsstoffe kommen neben Getreidestroh auch Restholz, Rinde und Papier infrage. In dezentralen Kleinanlagen entsteht daraus durch Schnellpyrolyse bei 500 Grad Celsius ein "Brei" aus Pyrolyseöl und -koks. Die Energiedichte des Gemischs ist gut zehnmal höher als die eines Strohballens mit rund 2,7 Gigajoule pro Kubikmeter. Idealerweise per Bahn zu einer zentralen Anlage transportiert, wird es in einem speziellen Vergaser bei 1.200 Grad Celsius und einem Vielfachen des Atmosphärendrucks in ein teerfreies Gemisch von Wasserstoff und Kohlenmonoxid überführt. Aus diesem Synthesegas lassen sich schließlich Diesel- und Ottokraftstoffe herstellen, die reiner und damit umweltverträglicher sind als ihre aus Erdöl gewonnenen Pendants.
Forschung: Institut für Technische Chemie, Forschungszentrum Karlsruhe; Lurgi AG, Frankfurt am Main; Future Energy GmbH, Freiberg
WWW:
Forschungszentrum Karlsruhe
Synthesegas
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