23.5.2005, 18:05 Uhr
Im Gehirn gilt links vor rechts
Menschen richten ihre Aufmerksamkeit tendenziell auf die linke Hälfte ihres Gesichtsfelds. Eine deutsch-italienische Psychologengruppe hat dieses Phänomen nun auch bei Hühnern und Tauben nachgewiesen. Das Resultat ist umso überraschender, als die für die Links-Vorliebe verantwortlich gemachte Gehirnstruktur bei Vögeln gar nicht existiert.
"Der Grund für die einseitige Aufmerksamkeit muss also woanders liegen", folgert Bettina Diekamp von der Ruhr-Universität Bochum, "und sie muss sich schon entwickelt haben, bevor sich Vögel und Säugetiere voneinander weg entwickelt haben, also vor mehr als 250 Millionen Jahren." Diekamp und ihre Kollegen präsentieren ihre Ergebnisse im Fachblatt "Current Biology".
Taube im Picktest. Foto: Ruhr-Universität Bochum
Die Biopsychologen ließen Hühnerküken (Gallus gallus) und ausgewachsene Tauben (Columba livia) gleichmäßig vor ihnen verteilte Körner aufpicken. Durch eine Wand mit einem schmalen Spalt von dem Futter getrennt, konnten die Vögel dabei nur Kopf und Hals bewegen, nicht jedoch den ganzen Körper drehen. Beide Vogelarten entscheiden sich deutlich häufiger bzw. früher für die links vor ihnen liegenden Körner.
Ähnliche Resultate erhält man, wenn man gesunde Menschen bittet, in einem Text bestimmte Buchstaben zu streichen - auf der rechten Seite des Blattes werden mehr Buchstaben übersehen als auf der linken. Die Ursache für diesen "Pseudoneglect" wurde bislang in dem beide Großhirn-Hemisphären verbindenden Balken oder Corpus callosum vermutet. Da diese Struktur bei Vögeln fehlt, vermuten Diekamp und Kollegen, dass die Links-Vorliebe auf eine grundlegendere, asymmetrische Spezialisierung des Hirns zurückgeht. Bei einzelnen Aufgaben offenbar nachteilig, könnte sie insgesamt Vorteile mit sich bringen - etwa die Fähigkeit, bei der Nahrungssuche gleichzeitig nach Räubern Ausschau zu halten.
Forschung: Bettina Diekamp und Onur Güntürkün, Lehrstuhl Biopsychologie, Fakultät für Psychologie der Ruhr-Universität Bochum; und andere
Veröffentlicht in Current Biology, Vol. 15(10), 24. Mai 2005, pp R372-3
WWW:
Biopsychologie, Uni Bochum
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