9.6.2005, 20:15 Uhr
Schleimiger Fahrstuhl in die Tiefe
Fragile Gebilde aus Schleim können eine der drängendsten Fragen der Tiefseeforschung klären, sind amerikanische Meeresbiologen überzeugt. Wie sie im Magazin "Science" berichten, liefern in die Tiefe sinkende Gehäuse von Manteltieren den Organismen am Grund der Tiefsee reichlich Nahrung.
Zwar transportieren auch abgestorbene Algen, Kotpartikel und Kadaver organisches Material in die Tiefe, schreiben Bruce Robison und seine Kollegen vom Monterey Bay Aquarium Research Institute. Bisherige Bilanzierungen hätten jedoch gezeigt, dass dieser "Detritus-Regen" nicht ausreiche, um die Organismen am Meeresgrund zu ernähren.
Ein Bathochordaeus-Gehäuse samt Bewohner. Foto: Copyright Science
Des Rätsels Lösung sind die Gehäuse von Appendikularien, entdeckten die Forscher bei ihren monatlichen Tauchroboter-Einsätzen im Monterey Canyon vor Kalifornien. Die entfernt an Kaulquappen erinnernden Tiere umgeben sich mit ausgefeilten Schleimgespinsten, mit denen sie Plankton und andere Partikel aus dem Meereswasser filtern. Im Falle der Riesen-Appendikularie Bathochordaeus charon, selbst kaum fingerlang, erreichen die Gebilde Durchmesser von über einem Meter. Da sie extrem leicht zerreißen, werden sie von herkömmlichen Sedimentfallen allerdings nicht erfasst.
Die Beobachtungen über einen Zeitraum von zehn Jahren ergaben, dass diese riesigen Gebilde im Schnitt nur einen Tag lang genutzt und dann verlassen werden. Von der Strömung regelrecht zusammengefaltet und verdichtet, sinken sie mit vergleichsweise rasanten Geschwindigkeiten von etwa 800 Metern pro Tag in die Tiefe. Daher erreichen sie den Meeresgrund, noch bevor Mikroben sie in nennenswertem Maße zersetzen können.
Pro Tag gehen auf jedem Quadratmeter Tiefseeboden gut vier Appendikularien-Gehäuse nieder, kalkulieren Robison und Kollegen. Aufgrund ihrer chemischen Analyse mühsam gesammelter Gehäuse schätzen sie, dass dies einem Nachschub von knapp 8 bzw. 1,3 Gramm organischen Kohlenstoffs und Stickstoffs pro Jahr entspricht - vergleichbar den mit Sedimentfallen gemessenen Werten und sehr viel mehr, als zur Sättigung der Tiefseebewohner nötig wäre.
Verlassene und auf dem Weg in die Tiefe verdichtete Appendikularien-Gehäuse. Foto: Copyright Science
Forschung: Bruce H. Robison, Kim R. Reisenbichler und Rob E. Sherlock, Monterey Bay Aquarium Research Institute, Moss Landing, Kalifornien
Veröffentlicht in Science, Vol. 308, 10. Juni 2005, pp 1609-11
WWW:
Monterey Bay Aquarium Research Institute
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