11.4.2005, 19:55 Uhr
Warum Tauben den Spatz in der Hand wählen
Statt kühl zu rechnen, lassen sich Menschen und Tiere eine kleine Belohnung häufig lieber sofort aushändigen, als längere Zeit auf eine größere zu warten. Wie die Faktoren Gewinn und Wartezeit im Gehirn miteinander verrechnet werden, hat eine deutsch-neuseeländische Forschergruppe jetzt bei Tauben ermitteln können. Mit Beginn der Wartezeit sinkt demnach die Aktivität einzelner Zellen im Frontalhirn der Vögel. Fällt sie schließlich unter eine "Schmerzgrenze", nehmen die Tiere lieber den Spatz in der Hand.
"Diese Ergebnisse sind besonders interessant im Zusammenhang mit Erkrankungen wie dem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom, Spielsucht, Drogenmissbrauch oder Hirnschäden in diesem Bereich", erläutert Tobias Kalenscher von der Ruhr-Universität Bochum. Den Betroffenen sei ein besonders impulsives Verhalten gemein - Wartezeiten tolerierten sie weniger gut als gesunde Menschen.
Foto: Tobias Kalenscher/Uni Bochum
Kalenscher und Kollegen konfrontierten Tauben mit zwei Scheiben. Je nachdem, auf welche Scheibe die Tiere pickten, erhielten sie sofort eine kleine oder mit etwas Verzögerung eine große Belohnung. Bis zu einer gewissen, je nach Individuum 2,5 bis über 28 Sekunden langen Wartezeit wählten die Tiere stets den größeren Gewinn. Messungen mit feinsten Gehirnelektroden zeigten, dass dabei ein regelrechter Countdown in einzelnen Nervenzellen ablief: "Sobald die Tauben auf die Scheibe gepickt hatten, feuerten die Nervenzellen", so Kalenscher.
Das Ausmaß der Aktivität sank allerdings mit der Wartezeit, berichten der Biopsychologe und seine Kollegen im Fachblatt "Current Biology". Schließlich wurde der Punkt erreicht, an dem die Aktivität trotz großer Belohnung unter dem Wert lag, den sie bei einer sofortigen kleinen Belohnung erreichte. Und an diesem Punkt schwenkten die Tiere denn auch tatsächlich um und wählten lieber das unmittelbare Erfolgserlebnis.
Forschung: Tobias Kalenscher und Onur Güntürkün, Abteilung Biopsychologie, Fakultät für Psychologie der Ruhr-Universität Bochum; und andere
Veröffentlicht in Current Biology, Vol. 15(7), 12. April 2005, pp 594-602
WWW:
Abteilung Biopsychologie, Uni Bochum
| [Zurück] | |

