Posted in: Biologie 26. Januar 2018 15:11 0 Kommentare Weiter lesen →

Nähe zum Menschen beeinflusst Tierwanderungen

Alle Säugetiere überwinden täglich kleinere oder größere Strecken, unter anderem auf der Suche nach Futter. Wie ein Team um die Biologin Marlee Tucker vom „Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum“ nun zeigen konnte, verringert sich der Aktionsradius von Säugetieren in jenen Gebieten deutlich, die stark durch den Mensch geprägt sind. Dort legen landlebende Säugetiere nur ein Drittel der Strecke zurück, die sie in unberührter Natur ablaufen würden.

Für ihre Untersuchung haben Tucker und 114 Koautoren in der bisher umfassendsten Studie zu diesem Thema die Bewegungen von 803 einzelnen Säugetieren rund um den Globus ausgewertet. An der Studie waren auf deutscher Seite u. a. Biologen der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung, der Goethe-Universität Frankfurt, der Universität Konstanz und des Max-Planck-Instituts für Ornithologie beteiligt. Seine Ergebnisse hat das Team im Magazin „Science“ veröffentlicht.

Bären auf einer Straße in Polen. Foto: Adam Wajrak

Bären auf einer Straße in Polen. Foto: Adam Wajrak

„Wir haben insgesamt 57 Säugetierarten untersucht. Von Hasen über Wildschweine bis hin zu Elefanten. Forscher im Team hatten jedes Tier mit einem Sender ausgestattet. Per GPS konnten dann ihre Aufenthaltsorte für mindestens zwei Monate stündlich verfolgt werden“, sagt Tucker.

Alle Daten von den weltweiten Standorten der Forscher wurden schließlich im Portal „Movebank“ zusammengeführt, das die Tierbewegungen archiviert. Die Daten verglichen die Wissenschaftler mit dem „Human Footprint Index“ der Gebiete, in dem sich die Tiere bewegten. Der Index gibt an, wie sehr das Gebiet durch den Menschen verändert ist, beispielsweise durch den Bau von Siedlungen, Verkehrswegen oder Landwirtschaft.

In Gebieten mit einem vergleichsweise hohen „Human Footprint Index“, zum Beispiel einer typischen deutschen Ackerlandschaft, legen die dort lebenden Säugetiere in zehn Tagen nur 33 bis 50 Prozent der Strecken zurück, die andere Säugetiere durchschnittlich in der unberührten Natur zurücklegen. Das gilt sowohl für die maximal in zehn Tagen zurückgelegte Strecke als auch für die durchschnittlich in diesem Zeitraum zurückgelegte Strecke. Die Auswertung zeigt darüber hinaus, dass die Tiere nicht langsamer werden, sondern ihr langfristiges Raumnutzungsverhalten so verändern, dass sie über längere Zeitskalen weniger Strecke absolvieren.

Möglicherweise bewegen sich die Säugetiere weniger, weil sie ihr Verhalten an die durch den Menschen stark beeinflusste Umgebung angepasst haben. „In einigen dieser Gebiete gibt es teilweise ein besseres Futterangebot, daher müssen die Tiere nicht mehr weite Strecken auf sich nehmen, um satt zu werden. Außerdem schränken Straßen und die Zerstückelung der Lebensräume vielerorts die Tiere in ihrer Bewegung ein“, berichtet der an der Studie beteiligte Juniorprofessor Thomas Müller.

Die Forschenden sind besorgt, dass Ökosystemfunktionen, die an Tierwanderungen gekoppelt sind, maßgeblich beeinträchtigt werden könnten. „Dass Tiere bestimmte Distanzen überwinden ist wichtig, denn damit transportieren sie beispielsweise Nährstoffe und Samen zwischen verschiedenen Gebieten. Außerdem basieren viele natürliche Nahrungsnetze auf Tierbewegungen. Wenn sich Tiere weniger bewegen, könnten sich viele dieser Prozesse in Ökosystemen verändern. So könnte zum Beispiel der Austausch von Pflanzensamen durch Tiere zwischen verschiedenen Lebensräumen gefährdet werden“, sagt Tucker.

Forschung: Marlee A. Tucker, Katrin Böhning-Gaese, William F. Fagan, John M. Fryxell, Bram Van Moorter, Susan C. Alberts, u.a., in Science, 26.01.2018, Vol. 359, Issue 6374, pp. 466-469, doi: 10.1126/science.aam9712

WWW:
Veröffentlichung in „Science“
Movebank, Datenbank der Tierbewegungen

Posted in: Biologie
Möchten Sie den Beitrag bewerten?
SchlechtLangweiligGut zu wissenInteressantSpannend! (2 Bewertungen, im Schnitt 5,00 von 5)
Loading...

Drucken Drucken


Möchten Sie kommentieren?