Posted in: Biologie, Chemie 1. August 2017 15:00 0 Kommentare Weiter lesen →

Gift ist die Waffe der Remipedia

Über die blinden, in Höhlen lebenden Krebstiere Remipedia weiß die Wissenschaft nur wenig. Jetzt wurde entdeckt, wie die räuberischen Gliederfüßer ihre Beute töten: mit einem Giftcocktail, dessen Bestandteile u. a. an Spinnen erinnern.

Die Remipedia leben in Höhlensystemen in der Karibik, auf den Kanaren und in Australien, die unterirdisch mit dem Meer verbunden sind und deshalb eine Salz- und eine Süßwasserschicht haben. Die Tiere wurden erst in den 1980er Jahren entdeckt.

„Über die Biologie der Remipedia ist auch durch diesen schwierig zu erforschenden Lebensraum noch wenig bekannt, ihre Evolution und Verbreitung auch noch nicht vollständig erklärt“, sagt Björn Marcus von Reumont. Der Evolutionsbiologe und ausgebildete Höhlentaucher von der Universität Leipzig hat den bisher nur wenig erforschten Tieren ein Geheimnis entlockt: Gemeinsam mit Wissenschaftlern aus Großbritannien und Australien fand er heraus, dass die se etwa vier Zentimeter großen, blinden Krebstiere einen eigenen Giftcocktail mit bisher unbekannten Toxinen entwickeln. Diesen injizieren sie ihrer Beute und lähmen sie, damit sie diese in den überwiegend nahrungsarmen Höhlen nicht wieder verlieren.

Foto: Dr. Björn Marcus von Reumont / Universität Leipzig

Foto: Dr. Björn Marcus von Reumont / Universität Leipzig

„In ihrer dunklen Umgebung macht der Einsatz einer der wichtigsten evolutionären Entwicklungen im Tierreich – Gift – durchaus Sinn“, sagt von Reumont; „unsere neuen Ergebnisse zeigen, dass sie dabei ein Multikomponenten-Gift mit 32 verschiedenen Toxin-Proteinen verwenden. Einige der Proteine sind strukturell bekannten Neurotoxinen ähnlich und lähmen die Beute vermutlich zunächst. Dann werden andere Toxine injiziert, die unter anderem die innere Struktur der Beute auflösen. Am Ende kann dann die verflüssigte Beute eingesaugt werden“, erklärt der Biologe.

Bisher war unklar, ob die Tiere tatsächlich Gifte besitzen. Es wurde immer aufgrund ihres hundertfüßerartigen Aussehens vermutet, dann aber auch wieder angezweifelt. Dabei haben die Remipedien offensichtlich eigene Toxine entwickelt, sie sind von Reumont zufolge bisher von keiner anderen Art bekannt. Der Giftcocktail enthalte auch ein potentielles Nervengift, so der Forscher, das dem von Trichternetzspinnen sehr ähnlich ist. Gerade diese Strukturen sind jüngst in den Fokus der angewandten Forschung gerückt, weil sie bei der Entwicklung hochspezifischer Insektizide oder pharmazeutischer Wirkstoffe verwendet werden.

Der Leipziger Forscher war auch der Erste, der mit molekularen Analysen herausfand, dass die Remipedien am engsten mit den Insekten verwandt sind und nicht, wie ursprünglich wegen ihrer äußeren Gestalt vermutet, die ältesten Krebse sind. Von Reumont und seine Kollegen haben ihre Erkenntnisse über die Remipedia im Fachjournal „Toxins“ veröffentlicht.

Forschung: Björn M. von Reumont, Eivind A. B. Undheim, Robin-Tobias Jauss, Ronald A. Jenner, in: „Toxins“ 2017, 9(8), 234; doi:10.3390/toxins9080234

WWW:
Artikel in „Toxins“
Remipedia – Eintrag bei Wikipedia
Institut für Biologie der Universität Leipzig

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