Posted in: Biologie, Medizin 6. Juli 2017 12:17 2 Kommentare Weiter lesen →

Mit Katze und Kuh gegen Asthma

Eine Sialinsäure, die in Bauernhoftieren vorkommt, wirkt gegen Entzündungen des Lungengewebes. Das eröffnet nach Meinung von Immunologen der Universität Zürich neue Perspektiven für die Allergieprävention.

Immer mehr Menschen leiden an Allergien und Asthma. In den letzten Jahrzehnten haben diese Krankheiten in den industrialisierten Ländern massiv zugenommen. Heute sind rund 30 Prozent der Kinder von mindestens einer Allergie betroffen – mit Ausnahme von Bauernkindern. Bei ihnen verläuft die Zunahme der Erkrankungen weniger dramatisch als bei ihren Kameraden, die zwar im gleichen Dorf, aber nicht auf einem Bauernhof leben. Man weiß, dass Mikroben von Bauernhöfen die Bauernkinder vor Allergien und Asthma schützen. Eine nicht hoch hygienische Umgebung wirkt positiv auf die Entwicklung des Immunsystems, da dieses lernt, auf an sich harmlose Stoffe nicht zu reagieren.

Offenbar haben aber nicht nur Mikroben einen schützenden Effekt vor Asthma, sondern auch die Tiere auf dem Bauernhof: Das Streicheln von Katz und Kuh sowie der Schluck Milch direkt ab Hof können ebenfalls Asthma vorbeugen, wie das Forschungsteam rund um Remo Frei vom Schweizerischen Institut für Allergie- und Asthmaforschung der Universität Zürich in Zusammenarbeit mit dem Center for Allergy Research and Education (CK-CARE) in Davos und des Kinderspitals St. Gallen zeigt.

Der Immunologe Frei sagt: „Der frühkindliche Kontakt zu Tieren und auch der Verzehr von tierischen Nahrungsmitteln scheint die Entzündungsreaktionen des Immunsystems zu regulieren“. Seine Studie zeige, dass dafür ein nicht-mikrobieller Stoff, eine Sialinsäure, verantwortlich sei, die in Wirbeltieren verbreitet vorkomme, im menschlichen Organismus jedoch fehle: die N-Glykolylneuraminsäure (Neu5Gc).

Foto: Universität Zürich

Foto: Universität Zürich

Menschen produzieren aufgrund einer genetischen Mutation kein Neu5Gc. Sie können die Sialinsäure aber über Tierkontakt oder auch über das Essen von tierischen Lebensmitteln aufnehmen und in ihre Glykoproteine einbauen. Der Kontakt mit Neu5Gc löst im Menschen eine Antikörperreaktion aus, die als Maß für den Kontakt mit Neu5Gc, also für den Kontakt mit Bauernhoftieren dienen kann. Die Forschenden haben die Konzentrationen von Neu5Gc-Antikörpern in Serum-Proben von Kindern gemessen, die im Rahmen zweier von der EU finanzierten epidemiologischen Studien gesammelt worden waren.

„Bauernkinder wiesen viel mehr Antikörper gegen Neu5Gc im Blut auf“, berichtet Frei, „und Kinder mit mehr Antikörper litten wesentlich seltener an Asthma.“ Die positive Wirkung der Sialinsäure Neu5Gc auf die Atemwege habe man auch am Mausmodell bestätigen können: Über die Nahrung aufgenommene Neu5Gc-Moleküle hätten die Lungenfunktion der Mäuse verbessert und somit die Symptome von Asthma reduziert.

Um den Mechanismus zu verstehen, wie Neu5Gc auf das menschliche Immunsystem wirkt, analysierte das Team verschiedene Zellen des Immunsystems, die bei einer entzündlichen Reaktion eine Rolle spielen. Das Fazit der Forschung: Der Kontakt mit Neu5Gc reduziere nicht die Immunglobuline E, also die Antikörper, die bei allergischen Reaktionen verstärkt auftreten. Vielmehr werde eine antientzündliche Reaktion des Immunsystems angestossen. „Das geschieht über sogenannte regulatorische T-Zellen, die stärker präsent sind“, sagt Frei; „diese T-Zellen dämpfen Fehlreaktionen des Immunsystems und wirken stark anti-entzündlich. Unsere Forschungsresultate eröffnen Möglichkeiten, wie der schützende Effekt des Bauernhofs auf alle Kinder übertragen werden könnte. Damit kann womöglich ein wichtiger Grundstein für eine wirksame Allergieprävention gelegt werden.»

Forschung: Remo Frei u. a. in „Journal of Allergy and Clinical Immunology“, online veröffentlicht am 17.6.2017. DOI: 10.1016/j.jaci.2017.04.051

WWW:
Artikel im „Journal of Allergy and Clinical Immunology“
Swiss Institute of Allergy and Asthma Research

Lesen Sie außerdem im Scienceticker:
Dämpfender Gras-Zucker
Weniger Allergie-Potenzial in Hunde-Haushalten

Posted in: Biologie, Medizin
Möchten Sie den Beitrag bewerten?
SchlechtLangweiligGut zu wissenInteressantSpannend! (1 Bewertungen, im Schnitt 5,00 von 5)
Loading...

Drucken Drucken


2 Kommentare zu "Mit Katze und Kuh gegen Asthma"

Trackback | Comments RSS Feed

  1. Brendle sagt:

    eigentlich eine uralte Weisheit!
    Dass das jetzt als neueste Erkenntnis veröffentlicht wird ist albern.
    Je reinlicher ein Kind aufwächst, desto mehr Krankheiten und Allergien hat es.
    Das desinfizieren von Kinderhänden (also nicht das Händewaschen) ist kontraproduktiv. Der Körper muss die Chance haben Abwehrkräfte aufzubauen.
    Es hat ja auch noch nie einen Wissenschaftler gegeben, der nicht in der Schule war, oder?

  2. Eine Meinung sagt:

    @Brendle
    Nicht albern, publizierte Studien sind dringend notwendig, da viele Menschen den Kontakt zur Natur in den Grosstädten komplett verloren haben. Gerade die Gebildeten legen sehr viel Wert auf Ordnung und Reinheit mit e.g. Sakropan. Diese Leute züchten sich fast fanatisch ihre multiresistenten Keime im Haus. Für Kinder gibt es nichts Schöneres als im Dreck spielen zu dürfen – ohne auf die Kleider zu achten. Das muss aber die Bildungselite, die sich betont vornehm gibt, erst wieder erlernen, den Kindern die Freiheit zum Toben im Dreck zurückzugeben. Und das geht eben nicht über Grossmutters Weisheit, sondern die Bildungelite braucht hierfür eine Studie, damit ihr Hirn dafür auch aufnamhefähig ist. Dann können sich diese Leute bei den Nachbarn für ihren Dreckspatz entschuldigen: Mein Sohn braucht seine N-Glykolylneuraminsäure … ;)

Möchten Sie kommentieren?