Posted in: Paläontologie 8. November 2016 14:59 0 Kommentare Weiter lesen →

Vor 160 Mio. Jahren: Schildkröten hatten noch Zähne

Schildkröten haben keine Zähne, sondern schneiden ihre Nahrung mithilfe ihrer harten Kieferleisten. Ihre Vorfahren verfügten jedoch noch über ein Gebiss. Das belegen fossile Funde aus Wucaiwan in der west-chinesischen Wüstenprovinz Xinjiang. Demnach besaßen noch bis vor 160 Millionen Jahren Schildkröten kleine Zahnreste im Maul.

Die Ausgrabungsstätte Wucaiwan ist vor allem bekannt als Fundort von Dinosauriern aus dem Oberen Jura. Zwischen den ausgestorbenen Riesen wurden jedoch auch zahlreiche Fossilien gefunden, welche die lange Evolutionsgeschichte der Schildkröten, von denen es heute weltweit rund 350 Arten gibt, beleuchten können. Ein internationales Team um Xing Xu vom Institut für Wirbeltierpaläontologie und Paläoanthropologie in China identifizierte eine bisher unbekannte ausgestorbene Schildkrötenart, die sie mit Sichuanchelys palatodentata benannte – die Schildkröte mit bezahntem Gaumen.

schildkroete_sichuanchelys-palatodentata_600
Rekonstruktion von Sichuanchelys palatodentata. Zeichnung: Lida Xing

„Wissenschaftler wussten auch zuvor, dass die frühesten Schildkröten noch Zähne besaßen, ein ursprüngliches Merkmal, das sie von ihren Reptilienvorfahren geerbt haben“, sagt Walter Joyce von der Schweizer Universität Freiburg, der Erstautor der Studie. „Allerdings stammte die zuvor bekannte Schildkröte mit Zähnen aus 30 Millionen Jahre älteren Felsen. Es war eine große Überraschung, dass die bezahnten Schildkröten noch so lange überlebten.“

Über die Einordnung von Sichuanchelys palatodentata in die bisher bekannten Schildkrötengruppen erfahren die Forscher auch mehr über die Verwandtschaftsverhältnisse und die geografische Verbreitung der Arten. „Unsere Analyse offenbarte, dass die neu entdeckte Schildkröte die nächste bekannte Verwandte einer großen Landschildkröte ist, genannt Mongolochelys efremovi, die fast 100 Millionen Jahre später in Zentralasien lebte“, sagt Márton Rabi aus der Biogeologie der Universität Tübingen. „Sie erschien uns merkwürdig. Aber wir erkennen nun, dass sie wohl den letzten Ausläufer einer langen Abstammungslinie bildet, die vor 70 Millionen Jahren in Asien bestand.“

gaumen_der_schildkroete_sichuanchelys-palatodentata_400 Rekonstruktion des gut erhaltenen Gaumens der Schildkröte mit kleinen Zahnresten. Zeichnung: Lida Xing

„Schildkröten sind eher ortsgebunden in ihrer Lebensweise. Dennoch haben Wissenschaftler bisher häufig die Verbindungen zwischen den Orten mit Fossilienfunden und der geografischen Verteilung heute lebender Schildkröten übersehen. Auch die frühere und heutige Verteilung der Kontinente muss man in die Betrachtung einbeziehen“, sagt Dr. James Clark, Mitautor von der US-amerikanischen George Washington University. Diese Überlegungen seien bei der biogeografischen Verteilung von Fröschen und anderen Amphibien viel früher angestellt worden. „Unsere Analyse offenbart, dass sich die Schildkröten durch das Auseinanderbrechen des Superkontinents Pangäa in die heutigen Kontinente während des Jura bis zur Kreidezeit in der Evolution aufgespalten haben“, sagt Walter Joyce. „Auf jedem Kontinent entwickelte sich eine eigene Schildkrötenfauna.“

Die Forscher veröffentlichten ihre Entdeckung in der Fachzeitschrift „BMC Evolutionary Biology“.

Forschung: Walter G. Joyce, Márton Rabi, James M. Clark, Xing Xu; in „BMC Evolutionary Biology“, DOI 10.1186/s12862-016-0762-5

WWW:
Veröffentlichung „BMC Evolutionary Biology“
Biogeologie, Universität Tübingen

Lesen Sie auch im Scienceticker:
Erste Schildkröten waren Landbewohner
Schildkröten: Unterstützte der Panzer ursprünglich das Graben?

Posted in: Paläontologie
Möchten Sie den Beitrag bewerten?
SchlechtLangweiligGut zu wissenInteressantSpannend! (5 Bewertungen, im Schnitt 4,80 von 5)
Loading...

Drucken Drucken


Möchten Sie kommentieren?