Posted in: Biologie 24. Juli 2015 12:59 0 Kommentare Weiter lesen →

Neuentdeckung: „Prächtiger Sonnentau“ wird 1,5 Meter lang

Auf einem Berg in Südost-Brasilien wurde ein bisher unbekannter Sonenntau entdeckt. Die fleischfressende Pflanze bringt es auf eine Gesamtlänge von 1,5 Metern. Es handelt sich damit um den größten bisher bekannten Sonnentau Amerikas. Botaniker wurden auf die Art anhand eines Fotos aufmerksam, das auf dem sozialen Netzwerk Facebook gepostet wurde.

Die Pflanze, die auf den Namen Drosera magnifica (der „Prächtige Sonnentau“) getauft wurde, formt lange, niederliegende und verzweigte Stämme. Ihre spektakulären, fadenförmigen Fangblätter können bis zu 24 cm lang werden und bilden ein Medusa-artiges Gewirr von klebrigen, glitzernden, fleischfressenden Blättern.

Ungewöhnlich ist die Art, wie dieser neue, riesige Sonnentau entdeckt wurde: Ein Orchideenliebhaber und Naturforscher postete im Jahr 2014 auf Facebook einige Fotos, die er gemacht hatte, als er Berge nahe seiner Heimatstadt in Bundestaat Minas Gerais von Brasilien bestieg. Auf einem der Fotos war ein Sonnentau zu erkennen, der von den Experten Fernando Rivadavia und Paulo Gonella sofort als neue Art erkannt wurde. Rivadavia untersuchte die Pflanze kurze Zeit später an ihrem natürlichen Standort. „Sogar unter den feuchten, nebligen und regnerischen Bedingungen auf dem Berggipfel, auf dem diese Art vorkommt, sind die langen, fadenförmigen Blätter von Drosera magnifica doch überraschend dicht mit gefangenen Insekten übersät“, sagt Rivadavia.

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Die Sonnentau-Art Drosera magnifica in ihrem natürlichen Habitat. Foto: Paulo Gonella.

Sonnentau-Pflanzen haben Blätter, die dicht mit karnivoren Drüsen, sogenannten Tentakeln, besetzt sind, die klebrige Schleimtröpfchen ausscheiden. Diese glitzernden Tröpfchen auf den leuchtend roten Tentakeln sind wirkungsvolle, attraktive und doch tödliche Lockfallen für kleine Tiere, insbesondere fliegende Insekten. Bei vielen Sonnentau-Arten sind die Tentakel und sogar die Blätter zu Bewegungen fähig, und krümmen sich um die gefangene Beute, die dadurch mit immer mehr des klebrigen Schleims in Berührung kommt, und schließlich erstickt. Die Beute wird anschließend von Enzymen verdaut, die die Pflanze produziert. Die Nährstoffe, die die Pflanzen von dieser tierischen Mahlzeit erhalten, kompensieren die Nährstoffarmut der Böden, auf denen die allermeisten fleischfressenden Pflanzen vorkommen.

„Die Gattung Drosera, Sonnentau, stellt die größte Gruppe von fleischfressenden Pflanzen dar und umfasst etwa 250 Arten. Die meisten davon kommen auf der Südhalbkugel vor, insbesondere in Australien, Südafrika und Brasilien“, sagt Andreas Fleischmann von den SNSB, der Botanischen Staatssammlung München. Er ist Mitautor der Veröffentlichung in der botanischen Fachzeitschrift „Phytotaxa“.

Es sei interessant, so die SNSB in ihrer Pressemitteilung, dass so eine große und auffällige Pflanzenart so lange unentdeckt geblieben sei, obwohl sie nicht gerade auf einem sehr abgelegenen Berg inmitten des Amazonas-Dschungels vorkomme. Dies könne ein Beispiel dafür sein, wie wenig noch über die Biodiversität Brasiliens bekannt sei, sogar in den besser zugänglichen und erforschten Teilen des Landes.

Obwohl die neuentdeckte Art sehr ungewöhnlich und unverwechselbar ist, zeigt sie doch auch einige Gemeinsamkeiten mit zwei bereits lange bekannten Sonnentau-Arten, die über 200 Kilometer entfernt im Bergland Südost-Brasiliens vorkommen. „Diese drei Arten bilden zusammen eine natürliche Verwandtschaft und gehören zu einer Gruppe von Sonnentau-Arten, die fast ausschließlich in Brasilien vorkommt, also dort endemisch ist und die durch eine gemeinsame Chromosomenzahl von 40 gekennzeichnet ist“, erklärt Paulo Gonella von der Universität von São Paulo, Brasilien, der momentan als Gast an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Botanischen Staatsammlung München an den Neuweltlichen Sonnentaugewächsen forscht.

Traurigerweise ist der „Prächtige Sonnentau“ wohl bereits vom Aussterben bedroht: Die Art findet sich nur auf einem einzigen noch natürlich bewachsenen Berggipfel, umgeben von Flächen, die durch Rinderfarmen, Kaffee-Plantagen und Eukalyptus-Pflanzungen intensiv bewirtschaftet werden. Invasive fremde Pflanzenarten konnten fast auf dem gesamten Weg zum Berggipfel beobachtet werden, am Fuß des Berges wurde bereits nahezu der gesamte Waldbestand abgeholzt, und der Berg und seine einzigartige Pflanzen- und Tierwelt sind momentan weder durch ein Naturreservat noch einen Nationalpark geschützt. Obwohl auch die umliegenden Berge von den Wissenschaftlern abgesucht wurden, konnte bisher keine weitere Population dieses Sonnentaus gefunden werden.

Forschung: P.M. Gonella, F. Rivadavia, A. Fleischmann; in: Phytotaxa 220 (3): 257-267. (http://dx.doi.org/10.11646/phytotaxa.220.3.4)

WWW:
Veröffentlichung in „Phytotaxa“
Botanische Staatssammlung München

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