Posted in: Biologie 3. September 2014 13:06 Weiter lesen →

Vorbild Figaro: Lernen unter Papageien

Der Kakadu Figaro kann sich Nüsse aus einer vergitterten Box angeln, indem er einen länglichen Splitter aus einem Holzbalken beißt und mit diesem seine Reichweite verlängert. Den Werkzeuggebrauch erlernten auch weitere Kakadus durch sein Vorbild, berichten Kognitionsbiologen.

Alice Auersperg von der Universität Wien ermittelte zusammen mit Kollegen der Universität Oxford und dem Max-Planck-Institut Seewiesen, wie Goffini Kakadus voneinander lernen. Als Lehrer setzten sie ihren Kakadu Figaro ein, der schon in früheren Experimenten durch geschickten Werkzeugeinsatz aufgefallen war. Eine Gruppe von Kakadus durfte dem talentierten Vogel zuschauen, wie er sich mit einem fertigen Stöckchen-Werkzeug Nüsse aus einer Gitterbox holte. Eine andere Gruppe sah in einer sogenannten „Ghost Demonstration“, wie das Werkzeug von Magneten gesteuert die Nuss von selber heranholte, oder wie die Belohnung ohne das Werkzeug von selber magnetisch auf Figaro zukam.

Kakadu_Figaro_Uni-Wien_400 Vorbild Figaro. Foto: Alice Auersperg, Universität Wien

Anschließend waren alle Beobachter auf sich alleine gestellt, um das „Wie-komme-ich-an-die-Nuss“-Problem zu lösen. Drei Männchen und drei Weibchen, die Figaros vollständige Arbeitsleistung gesehen hatten, interagierten mehr mit den potentiellen Werkzeugen als diejenigen, die stattdessen die „Ghost Demonstrationen“ gesehen hatten. Bemerkenswerterweise erlangten alle drei Männchen in dieser Gruppe die Fähigkeit, erfolgreich mit dem Werkzeug an das Futter aus der vergitterten Box zu gelangen. Weder die Weibchen derselben Gruppe noch die Männchen und Weibchen der anderen Gruppe konnten das zustande bringen.

„Dies ist das erste Mal, dass die soziale Weitergabe von einer ursprünglichen Werkzeuginnovation empirisch kontrolliert bei einer Vogelart, bei welcher der Werkzeuggebrauch nicht angeboren ist, gezeigt werden konnte“, sagt Projektmitarbeiter Stefan Weber von der Universität Wien.


Der Goffini Kakadu Figaro bei der Herstellung und Nutzung von Werkzeugen im Jahr 2012.
Video: Universität Wien.

Die erfolgreichen Männchen ahmten Figaros Bewegungen nicht einfach nur nach: Die Technik, mit welcher das Werkzeug in Aktion gebracht wurde, war selbst eine neue Erfindung.

„Figaro hielt das Werkzeug am distalen Ende und steckte es an verschiedenen Höhen durch das Gitter um die Orientierung des Werkzeugs an die sich ändernde Position der Nuss anzupassen und diese somit an sich heran zu bringen“, sagt Auersperg. „Seine Beobachter dagegen steckten das Stöckchen auf Bodenhöhe, parallel zur Nuss durch das Gitter und brachten die Belohnung in Reichweite, indem sie es wie einen Hebel seitwärts schnippten. Statt Figaros exakte Bewegung zu imitieren schienen die erfolgreichen Tiere somit vielmehr auf das Resultat von Figaros Interaktion mit dem Werkzeug zu achten und entwickelten ihre eigenen Strategien, um dieses Resultat zu erreichen. Dies ist typisch für etwas, das Psychologen Emulationslernen nennen würden.“

Kakadus_mit_Werkzeug_Uni-Wien_500
Die Kakadus nutzen unterschiedliche Techniken, um an die begehrte Nuss zu gelangen. Fotos: Alice Auersperg, Universität Wien

Zwei der erfolgreichen Beobachter wurden später in Abwesenheit von fertigen Stöckchen, aber mit geeignetem Material zum Eigenbau eines Werkzeuges getestet. Einer von ihnen begann seine eigenen Splitterwerkzeuge aus einem Holzblock zu beißen, ohne dafür weitere Vorerfahrung zu benötigen. Der andere war nach einmaliger Beobachtung von Figaro beim Werkzeugbau ebenfalls erfolgreich. „Obgleich das im Moment noch nicht vollständig belegbar ist, könnte dieses Experiment darauf hinweisen, dass das Erlernen von Werkzeuggebrauch per se in den Kakadus die Aneignung von Werkzeugherstellung stimuliert“, sagt Auersperg.

„Es gibt einen substantiellen Unterschied, das Verhalten eines Vorführers zu wiederholen oder eine eigene Methode durch Emulation zu entwickeln, die im Endeffekt zum selben Ergebnis führt“, meint Alex Kacelnik von der Universität Oxford. „Die Emulation impliziert einen kreativen Prozess, welcher durch soziale Interaktion stimuliert wird. Ersteres hingegen könnte zumindest potenziell auf Imitation basieren. Die Kakadus scheinen ihren Lehrer in der Effizienz ihrer Methode zu übertreffen und dies ist nartürlich etwas, was sich alle Professoren von ihren Studenten erhoffen.“

Die Forscher stellen ihre schlauen Kakadus im Fachmagazin „Proceedings of the Royal Society B“ vor.

Forschung: Alice M.I. Auersperg, Universität Wien, Auguste M.P. von Bayern, University of Oxford, u.a.; veröffentlicht in „Proceedings of the Royal Society B“ Online-Veröffentlichung 3.9.2014, Vol. 281 No. 1793, 20140972 (Ausgabe vom 22.10.2014) http://dx.doi.org/10.1098/rspb.2014.0972

WWW:
Abstract in den „Proceedings of the Royal Society B“
Department für Kognitionsbiologie, Universität Wien

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