Posted in: Gesundheit, Medizin 23. April 2014 09:48 Weiter lesen →

Kein Tennisplatz im Darm

Grafik zeigt weiblichen Bauch, eingezeichnet die Lage der Verdauungsorgane Zahllose Falten und Zotten verschaffen dem Dünndarm eine immense innere Oberfläche zur Nährstoffaufnahme. Dieser Effekt ist allerdings geringer als gemeinhin angenommen, haben zwei schwedische Mediziner ermittelt. Demnach bringt es der gesamte menschliche Verdauungstrakt nicht etwa auf die lehrbuchmäßigen 180 bis 300, sondern lediglich auf etwa 30 bis 40 Quadratmeter.

Bild: National Institutes of Health

Statt eines Tennisplatzes habe der Mensch also nur ein 1-Zimmer-Appartement im Bauch, erklärt Lars Fändriks von der Universität Göteborg. „Das ist keine reine Zahlenspielerei“, betont der Chirurg, „vielmehr ist die Größe der inneren Oberfläche im Magen-Darm-Trakt ein wichtiger Faktor bei der Aufnahme von Nähr- und Wirkstoffen.“

Vom Mund bis zum After ist es ein kurvenreicher Weg von 5 bis 6 Metern Länge. Den größten Teil dieser Strecke macht der Dünndarm aus, in dem Moleküle aus dem Nahrungsbrei zerlegt und aufgenommen werden. Wäre der Dünndarm ein glatter Schlauch, stände für diese Aufgabe eine innere Oberfläche von kaum einem halben Quadratmeter zur Verfügung. Ringförmige Falten, Schleimhautzotten und mikroskopisch kleine Zell-Ausstülpungen, Mikrovilli genannt, vergrößern die Oberfläche jedoch um das 500-Fache oder mehr – so die verbreitete Ansicht.

Fändriks und sein Kollege Herbert Helander machten sich nun daran, den Effekt der Oberflächenvergrößerung im gesamten Verdauungstrakt von Grund auf neu zu studieren. Die beiden Mediziner nutzten dafür Daten aus Röntgenuntersuchungen sowie mikroskopische Schnitte von Gewebeproben, die bei Endoskopien entnommen worden waren.

Die großen Kerckring-Falten im Dünndarm vergrößern dessen innere Oberfläche demnach um den Faktor 1,6, während Zotten und Mikrovilli bestenfalls eine Vergrößerung um den Faktor 120 bewirken. Insgesamt ergibt sich daher eine Oberfläche von höchstens 40 Quadratmetern, wenn man 1 Quadratmeter in Mund, Speiseröhre und Magen sowie 2 Quadratmeter im Dickdarm mit einbezieht, folgern die beiden Mediziner im „Scandinavian Journal of Gastroenterology“.

„Als dynamisches System im Innern der Bauchhöhle ist der Magen-Darm-Trakt nur schwer zu vermessen“, erklärt Helander die Diskrepanz zum derzeitigen Lehrbuchwissen. „Und da die früheren Messungen entweder nach dem Tod oder während einer Bauchoperation an entspanntem Gewebe durchgeführt wurden, konnten sie leicht irreführende Resultate liefern.“

Forschung: Herbert F. Helander und Lars Fändriks, Institutionen för kliniska vetenskaper, Sahlgrenska akademin, Göteborgs universitet

Veröffentlichung Scandinavian Journal of Gastroentorology, DOI 10.3109/00365521.2014.898326

WWW:
Avdeling för gastrokirurgisk forskning och utbildning, Uni Göteborg
Oberflächenvergrößerung des Dünndarms
Mikrovilli

Lesen Sie dazu im Scienceticker:
Ein Minenfeld im Darm
Viel Bewegung im Darm

Posted in: Gesundheit, Medizin
Möchten Sie den Beitrag bewerten?
SchlechtLangweiligGut zu wissenInteressantSpannend! (2 Bewertungen, im Schnitt 5,00 von 5)
Loading...

Drucken Drucken


Die Kommentare sind geschlossen.