Posted in: Psychologie, Vermischtes 13. März 2014 14:36 Weiter lesen →

Eine Hand aus Marmor

Nahaufnahme zeigt Hand einer weiblichen Marmostatue Wenn es um das Gefühl des eigenen Fleischs geht, lässt sich der Körper verblüffend einfach täuschen. Eine entsprechende Illusion haben Neurowissenschaftler aus Mailand und Bielefeld entdeckt. Das Geräusch eines Hammers auf Marmor, zeitgleich zu leichten Berührungen eingespielt, führt nach und nach zur Wahrnehmung einer steinernen Hand.

Foto: Postdlf via Wikimedia.org (Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

„Unser Gehirn prüft fortwährend Sinneswahrnehmungen über unsere Umwelt und unseren Körper“, erläutert Irene Senna von der Universität Mailand–Bicocca, mittlerweile an der Universität Bielefeld tätig. Die neue Körperillusion zeige, dass dies nicht nur die Lage und Position der Körperteile einschließe, sondern auch die Beschaffenheit des Fleischs – und „dass das wahrgenommene Material unseres Körpers durch multisensorische Integration verändert werden kann“.

Senna und ihre Kollegen führten ein Experiment mit insgesamt 68 jungen Erwachsenen durch. Die Versuchsteilnehmer saßen so an einem Tisch, dass ihre rechte Hand hinter einem Sichtschirm verborgen war. Nun klopften die Forscher mit einem Hämmerchen immer wieder auf diese Hand. Parallel zu jeder Berührung hörten die Teilnehmer über einen Kopfhörer das Geräusch eines Hammers, der auf Marmor trifft. Binnen 5 Minuten berichteten sie, ihre Hand fühle sich taub, steif, schwer und kalt an. Dieser Effekt blieb aus, wenn die Hammergeräusche nicht synchron mit den Berührungen erfolgten oder wenn stattdessen reine Töne zu hören waren, berichten die Forscher im Fachblatt „PLoS ONE“.

Je intensiver das Gefühl der „Marmorhand“ war, umso stärker sank der elektrische Hautwiderstand der Teilnehmer, sobald die Forscher gut sichtbar eine Nadel hinter den Sichtschirm führten und damit über der Hand herumfuchtelten. Über die Gründe für diese gesteigerte Erregung kann derzeit nur spekuliert werden. Vielleicht hätten die Versuchsteilnehmer ja Angst gehabt, ihre versteinerte Hand nicht schnell genug zurückziehen zu können, so die Forscher.

Offenbar prüfe das Gehirn nicht nur das eigene Fleisch, es könne diesem auch Eigenschaften von nicht-biologischem Material wie Marmor oder Metall zuschreiben, so Senna weiter. „Diese überraschende Flexibilität unserer Wahrnehmung kann eventuell helfen zu verstehen, warum Menschen, deren Körperteile durch Prothesen ersetzt wurden, diese trotz ihres künstlichen Materials als Teil ihres Körpers wahrnehmen“, so die Neurowissenschaftlerin.

Forschung: Irene Senna, Angelo Maravita, Nadia Bolognini und Cesare V. Parise, Dipartimento di Psicologia, Università degli Studi di Milano–Bicocca, Mailand, und Lehrstuhl Kognitive Neurowissenschaften und Exzellenzcluster Kognitive Interaktionstechnologie, Universität Bielefeld

Veröffentlichung PLoS ONE 9(3): e91688, DOI 10.1371/journal.pone.0091688

WWW:
Dipartimento di Psicologia, Università Milano–Bicocca
Lehrstuhl Kognitive Neurowissenschaften, Uni Bielefeld
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