Posted in: Chemie, Medizin 9. Oktober 2013 20:33 Weiter lesen →

Multiple Sklerose: Hilfe zur Selbsthilfe

Mikroskopaufnahme zeigt sternförmige rote Zellen, einige Ausläufer an langgestreckte grüne Zellen kontaktierend Bei Menschen mit Multipler Sklerose greift das Immunsystem die Isolierung der Nervenfasern in Gehirn und Rückenmark an. Einen möglichen neuen Ansatzpunkt für die Behandlung der Erkrankung haben amerikanische und japanische Forscher entdeckt. Ein Wirkstoff, der bereits zur Behandlung der Parkinson-Krankheit eingesetzt wird, kann demnach die Reparatur der Isolierschicht stimulieren – zumindest bei Mäusen.

Effekt in Ko-Kultur: Ausläufer von Oligodendrozyten (rot fluoreszenzmarkiert) wickeln sich um „nackte“ Nervenfasern (grün), Zellkerne fluoreszieren blau. Bild: Luke Lairson, The Scripps Research Institute

Sollte diese Wirkung auch beim Menschen eintreten, könnte der Wirkstoff Benzatropin die Rückbildung der typischen Bewegungsstörungen, Sinnesbeeinträchtigungen und Erschöpfungszustände fördern, hoffen die Wissenschaftler um Peter Schultz und Luke Lairson vom kalifornischen Scripps Research Institute. Besonders attraktiv erscheine die Kombination mit das Immunsystem hemmenden Wirkstoffen, schreibt die Gruppe im Magazin „Nature“. In diesem Fall könnten beide Wirkstofftypen in niedriger Dosis eingesetzt und somit die jeweiligen Nebenwirkungen verringert werden.

Allein in Deutschland leben schätzungsweise 130.000 Personen mit Multipler Sklerose, einer in ihrer Entstehung noch immer nicht gänzlich verstandenen Autoimmunerkrankung. Mit Medikamenten, die Entzündungsherde im Zentralnervensystem eindämmen und insgesamt die Aktivität des Immunsystems dämpfen, sowie weiteren Maßnahmen bekommen viele Patienten die Krankheit gut in den Griff. Heilen lässt sie sich bislang aber nicht. Auch die neuen Erkenntnisse versprechen bestenfalls eine vollständige Erholung nach jedem Krankheitsschub.

Verantwortlich für die Bildung der Nervenisolierung sind Zellen aus der Gruppe der Oligodendrozyten, deren Ausläufer sich förmlich um nackte Nervenfasern wickeln. Diese Zellen sind auch bei Erwachsenen noch in der Lage, Lücken in der isolierenden Myelinschicht aufzuspüren und zu schließen. Mit einem Hochdurchsatz-Verfahren testeten Schultz, Lairson und Kollegen nun rund 100.000 chemische Verbindungen auf ihre Fähigkeit, in einer Zellkultur die Bildung von Oligodendrozyten aus Vorläuferzellen zu stimulieren. Unter den Treffern fand sich zur Verblüffung der Forscher auch das Benzatropin.

Die Verbindung bewirkt noch mehr, ergaben weitere Experimente. Gemeinsam mit Nervenzellen kultiviert, legten die vermehrt entstandenen Oligodendrozyten nach Zugabe von Benzatropin zusätzlich besonderen Eifer bei der Isolierung der nackten Nervenausläufer an den Tag. Tatsächlich verlief bei Mäusen eine gezielt ausgelöste, der Multiplen Sklerose ähnliche Erkrankung sehr viel milder, wenn den Tieren täglich Benzatropin in das Bauchfell gespritzt wurde.

„Wir sind begeistert von diesen Resultaten und denken nun über erste klinische Tests nach“, erklärt Lairson. Gleichwohl sei es von Zellkultur- und Tierversuchen ein langer Weg bis hin zur therapeutischen Anwendung, warnt der Forscher vor allzu großen Erwartungen. Gemeinsam mit seinen Kollegen will er zudem weitere Treffer aus dem Hochdurchsatz-Screening eingehender untersuchen. Insgesamt belegten die neuen Resultate „das große Potenzial kleiner Moleküle für die Kontrolle von Stamm- und Vorläuferzellen, wie sie letztlich zu neuen Medikamenten für die regenerative Medizin führen könnte“, ist Schultz überzeugt.

Forschung: Vishal A. Deshmukh, Virginie Tardif, Brian R. Lawson, Peter G. Schultz und Luke L. Lairson, Department of Chemistry und Department of Immunology and Microbial Science, The Scripps Research Institute, La Jolla; und andere

Veröffentlichung Nature, 9. Oktober 2013, DOI 10.1038/nature12647

WWW:
Schultz Laboratory, Scripps Research Institute
Alles über Multiple Sklerose
Benztropine

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