Posted in: Medizin, Psychologie 23. September 2013 07:54 Weiter lesen →

Schlaf macht schlechte Erinnerungen angreifbar

Kernspinbild zeigt Querschnitt durch Kopf und Gehirn, eine Region mit einem blauen Kasten markiert Böse Erinnerungen können im Schlaf gezielt manipuliert werden. Entsprechende Resultate liefert ein Experiment amerikanischer Neurowissenschaftler. Ihre Versuchsteilnehmer bekamen im Tiefschlaf einen Duft zu riechen, den sie zuvor auch beim Lernen einer unangenehmen Lektion – dem Zusammenhang zwischen dem Anblick eines Fotos und einem leichten Stromschlag – gerochen hatten. Nach dem Erwachen war die unangenehme Erinnerung deutlich weniger intensiv.

Der rechte Hippocampus wies nach der Schlafphase eine verringerte Aktivität auf. Bild: Dr. Katherina K. Hauner

„Der Schlaf stellt eine kritische Periode für die Gedächtniskonsolidierung dar, während derer neue Erinnerungen äußerst labil und anfällig für Veränderungen sind“, erläutern die Forscher um Katherina Hauner und Jay Gottfried von der Northwestern University in Chicago. Die neuen Resultate zeigten, dass dies auch für emotionale Erinnerungen gelte und dass die Beeinflussung sehr spezifisch erfolgen könne. Möglicherweise könne dieses Wissen zur Behandlung krankhafter Angstzustände genutzt werden, schreibt die Gruppe im Fachblatt „Nature Neuroscience“.

Hauner, Gottfried und Kollegen ließen 18 junge Erwachsene einen bestimmten Duft riechen, während sie ihnen Porträtfotos von 2 Personen zeigten. Beim Anblick eines der beiden Fotos erhielten die Versuchsteilnehmer regelmäßig einen elektrischen Schlag in den Fußrücken. Bald hatten die Teilnehmer diesen Zusammenhang verinnerlicht und gerieten schon beim Anblick des Fotos ins Schwitzen. Nun wiederholten die Forscher die Lektion mit 2 neuen Fotos und einem neuen Duft und schickten die Teilnehmer daraufhin ins Bett. Sobald diese den Tiefschlaf erreicht hatten, bekamen sie lediglich einen der beiden Düfte erneut zu riechen.

Schon der Duft reichte aus, um die Schläfer erneut ins Schwitzen zu bringen. Mit zunehmender Schlaf- und Riechdauer wurde diese Reaktion jedoch immer schwächer, berichten die Forscher. Und sahen die Teilnehmer nach dem Aufwachen das zugehörige Stromschlag-Foto wieder, war die Hautreaktion deutlich schwächer als beim Anblick jenes Fotos, das sich im Zusammenhang mit dem anderen, nicht im Schlaf gerochenen Duft als unangenehm erwiesen hatte.

Vielleicht sei die Erinnerung an den Zusammenhang zwischen Foto und Stromschlag verblasst, vielleicht sei sie aber auch durch neues Wissen überschrieben worden, so Hauner, Gottfried und Kollegen. Die Gehirnaktivität der Teilnehmer spreche eher für ein Überschreiben: Nach dem Schlafen habe der Anblick des Stromschlag-Fotos ein verändertes Aktivitätsmuster und nicht nur eine schwächere Aktivität in der Amygdala, dem Angstzentrum des Gehirns, hervorgerufen. Zudem hätten frühere Studien gezeigt, dass nicht-emotionale Erinnerungen durch Reaktivierung im Schlaf besonders fest im Gedächtnis verankert werden könnten.

Forschung: Katherina K. Hauner, James D. Howard, Cristina Zelano und Jay A. Gottfried, Department of Neurology, Feinberg School of Medicine, Northwestern University, Chicago

Veröffentlichung Nature Neuroscience, 22. September 2013, DOI 10.1038/nn.3527

WWW:
Gottfried Laboratory, Northwestern University
Memory and Learning
Der normale Schlaf und seine Variationen

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