Posted in: Biologie, Chemie 16. September 2013 21:00 Weiter lesen →

Blauwale haben Logbuch im Ohr

Blauwal_NOAA_Photo_Library

Das Ohrenschmalz eines Wals funktioniert gleichsam wie ein Logbuch, lassen Untersuchungen amerikanischer Forscher vermuten. Bei der Analyse eines ellenlangen Wachspfropfens, den sie aus dem Gehörgang eines toten Blauwals geborgen hatten, stellten sie schichtweise schwankende Hormon- und Schadstoffgehalte fest. Vermutlich spiegelt jede Schicht die Bedingungen zu jener Zeit wider, in der sie gebildet wurde.

Foto: NOAA Photo Library

Auf diese Weise lasse sich auf ein halbes Jahr genau ermitteln, wann der Wal die Geschlechtsreife erreicht habe, erläutern die Biologen um Stephen Trumble und Sascha Usenko in den „Proceedings of the National Academy of Sciences“. Zudem werde nachvollziehbar, wann das Tier besonderen Stress erlebt und stark verschmutzte Gewässer durchschwommen habe. „Solche Profile über die gesamte Lebenszeit lassen sich für die meisten Spezies auf unserem Planeten nicht erstellen“, schreiben die Forscher von der texanischen Baylor-Universität.

Blauwale (Balaenoptera musculus) besitzen keine Ohrmuschel mehr und ihr äußerer Gehörgang mündet in einer winzigen Öffnung in der dicken Haut. Zudem füllt sich der Gang im Laufe der Zeit mit Ohrenschmalz, das in abwechselnd hellen und dunklen Schichten abgelagert wird – je nachdem, ob die Tiere gerade wandern oder nicht.

Trumble, Usenko und Kollegen studierten den 25 Zentimeter langen Ohrpfropf eines 21 Meter großen Blauwalmännchens. Das Tier war im Jahr 2007 nach der Kollision mit einem Schiff vor Kalifornien verendet. Die 24 Wachsschichten seines Ohrenschmalzes sprechen für ein Alter von gut 12 Jahren. Offenbar hatte es erst 2 Jahre vor seinem Tod die Geschlechtsreife erreicht, denn die Konzentration des Geschlechtshormons Testosteron stieg in den entsprechenden Wachsschichten schlagartig um den Faktor 300 und sank dann wieder. Gemessen an den Konzentrationen des Hormons Cortisol, scheint der Wal etwa zeitgleich besonders starken Stress erlebt zu haben.

Ein anderes Bild zeigte sich bei den erfassten Schadstoffen. Auch hier sind in späteren Jahren einige Ausschläge erkennbar. Die mit Abstand höchsten Konzentrationen weisen jedoch die in den ersten Lebensmonaten abgelagerten Wachsschichten auf, vermutlich weil der Wal die Substanzen mit der Muttermilch aufgenommen hatte. Passend zur Weitergabe von einer Generation zur nächsten geht die Gesamtbelastung mit langlebigen organischen Schadstoffen überwiegend auf DDT und seine Abbauprodukte zurück. Die Verwendung des Pestizids war in den USA und in Europa bereits in den 70er-Jahren verboten worden, also Jahrzehnte vor der Geburt des Blauwals.

Forschung: Stephen J. Trumble, Eleanor M. Robinson und Sascha Usenko, Department of Biology, Department of Environmental Science und Institute of Ecological, Earth, and Environmental Sciences, Baylor University, Waco; und andere

Veröffentlichung Proceedings of the National Academy of Sciences, DOI 10.1073/pnas.1311418110

WWW:
Trumble Lab, Baylor University
Usenko Lab, Baylor University
Hearing in Cetaceans: The Fully Aquatic Ear
Blue Whale

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Blauwale fressen akrobatisch
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Wie das Ohrenschmalz trocken wurde

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