Posted in: Genetik, Medizin 28. August 2013 19:00 Weiter lesen →

Größere Vielfalt im Darm, weniger Pfunde

Foto eines Bauchs, eingezeichnet die Lage der Verdauungsorgane Wenn der Stoffwechsel eines Menschen in Schieflage gerät, spiegelt sich das in der Vielfalt seiner Darmflora wider. Entsprechende Resultate einer Studie mit 292 Teilnehmern präsentiert eine internationale Forschergruppe im Magazin „Nature“. Jene Männer und Frauen, deren Darm eine geringe Zahl unterschiedlicher Mikrobengene enthielt, wiesen üppigere Fettpolster und häufiger Vorboten von Diabetes und anderen Zivilisationskrankheiten auf.

Bild: National Institutes of Health

„Bei solchen Personen überwiegen Bakterien mit der Fähigkeit, eine leichte Entzündung im Verdauungstrakt und im gesamten Körper zu bewirken“, erklärt Oluf Pedersen von der Universität Kopenhagen, der Leiter der Studie. „Entsprechend liefern Blutproben von ihnen Hinweise auf einen chronischen Entzündungszustand, der sich erwiesenermaßen auf den Stoffwechsel auswirken und das Risiko für Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen kann.“

Laut Schätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO sind etwa 1 Milliarde Erwachsene übergewichtig und weitere 0,5 Milliarden sogar fettleibig. Als mit Abstand wichtigste Ursachen gelten Bewegungsmangel und eine falsche Ernährung, auch genetische Faktoren spielen eine Rolle. Da auf jede Körperzelle eines Menschen rund 10 Mikrobenzellen in seinem Darm kommen, widmeten sich Pederson und Kollegen der Frage nach dem Einfluss dieser Mitbewohner.

Die Wissenschaftler untersuchten 292 Männer und Frauen, von denen 27 – gemessen an ihrem Body-Mass-Index – übergewichtig und 169 sogar fettsüchtig waren. Alle Teilnehmer lieferten eine Stuhlprobe ab. Die Forscher sequenzierten die darin enthaltene DNA und fanden pro Person zwischen 91.000 und 1 Million verschiedene Bakteriengene. Die Verteilung der Zahlen lässt auf die Existenz zweier Personengruppen schließen: In der einen ist die Darmflora mit höchstens 480.000 unterschiedlichen Genen deutlich weniger vielfältig als in der anderen. Verblüffenderweise waren diese Gruppen schon anhand der Häufigkeit von lediglich 4 Bakterienarten sicher zu unterscheiden.

Etwa ein Viertel der Studienteilnehmer fiel in die Gruppe mit einer niedrigen Vielfalt der Darmflora, berichten Pedersen und Kollegen. Diese Personen brachten durchschnittlich 95 Kilogramm auf die Waage, während es in der Gruppe mit einer hohen Vielfalt der Darmflora etwa 86 Kilogramm waren. Der Körperfettanteil war in der ersten Gruppe mit 37 gegenüber 31 Prozent ebenfalls deutlich höher, ebenso die Blutfettwerte, die Zahl weißer Blutkörperchen und der Spiegel des Proteins CPR, das als sensibler Entzündungsmarker gilt. Umgekehrt war die Empfindlichkeit gegenüber dem Blutzuckerhormon Insulin bei diesen Teilnehmern etwas geringer. Und nicht zuletzt hatten sie in den vergangenen Jahren besonders stark an Gewicht zugelegt.

Ob die Darmflora tatsächlich direkten Einfluss auf den Stoffwechsel habe oder nur auf die Ernährung reagiere, sei derzeit noch unklar, so Pedersen weiter. Nach Ansicht des Mediziners begünstigt eine tendenziell entzündungsfördernde Darmflora in jedem Fall das Auftreten von Krankheiten wie Diabetes und Atherosklerose. Ein Gegensteuern ist jedoch möglich, belegt eine kleine, zeitgleich veröffentlichte Studie. Infolge der Umstellung auf kalorienreduzierte und ballaststoffreiche Kost verbesserten sich die Blutwerte jener Teilnehmer mit einer anfangs geringen Vielfalt der Darmflora deutlich. Parallel dazu stieg auch die Zahl unterschiedlicher Darmbakterien.

Forschung: Emmanuelle Le Chatelier, Edi Prifti und Stanislav Dusko Ehrlich, Institut National de la Recherche Agronomique, Jouy-en-Josas; Trine Nielsen und Oluf Pedersen, Novo Nordisk Foundation Center for Basic Metabolic Research, Københavns Universitet; Junjie Qin, BGI-Shenzhen, Shenzhen; Jeroen Ras, Vakgroep Bio-ingenieurswetenschappen, Vrije Universiteit Brussel, und Vlaams Instituut voor Biotechnologie, Gent; und andere

Veröffentlichung Nature, Vol. 500, 29. August 2013, pp 541–6 und 585–8, DOI 10.1038/nature12506 und 10.1038/nature12480

WWW:
Center for Basic Metabolic Research, Uni Kopenhagen
INRA, Centre Jouy-en-Josas
Metagenomics of the Human Intestinal Tract (MetaHIT)
WHO: Obesity and Overweight

Lesen Sie dazu im Scienceticker:
Herzgesunde Dicke
Neue Zweifel am Body-Mass-Index
Bauchfett begünstigt Entzündungsprozesse

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1 Kommentar zu "Größere Vielfalt im Darm, weniger Pfunde"

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  1. Theodora Pape sagt:

    Seit ca. 50 Jahren kenne ich diesen Zusammenhang nun.

    Allerdings sehe ich den Zusammenhang eindeutig so:
    Wenn die Darmflora/fauna durcheinander gerät durch Antibiotika z.B., dann sind alle Voraussetzungen gegeben dick zu werden.

    Die erfolgreichsten Therapien bei Dickleibigkeit nutzen diesen Zusammenhang.

    Gruß
    T.P.