Posted in: Medizin 16. August 2013 00:30 Weiter lesen →

Kurzer Blutstau könnte das Herz schützen

Anatomische Zeichnung zeigt das Herz mitsamt Blutgefäßen und seine Lage zwischen den Lungenlappen Eine verblüffend einfache Methode könnte helfen, das Herz für einen chirurgischen Eingriff zu wappnen. Entsprechende Hinweise liefert eine Patientenstudie, die deutsche Mediziner und Statistiker durchgeführt haben. Schränkten sie vorübergehend die Durchblutung des Arms mit einer Blutdruckmanschette ein, so schien eine nachfolgende Bypass-Operation das Herz weniger stark in Mitleidenschaft zu ziehen.

Grafik: Patrick J. Lynch, Medical Illustrator, via Wikimedia.org (Creative Commons Attribution 2.5 Generic)

Der Effekt äußerte sich nicht nur in einem geringeren Anstieg eines Biomarkers, der eine Schädigung des Herzmuskels anzeigt, berichten die Forscher um Matthias Thielmann und Gerd Heusch vom Universitätsklinikum Essen im Fachblatt „The Lancet“. In der Zeit nach dem Eingriff kam es in der entsprechenden Patientengruppe auch zu weniger Todesfällen als in der Kontrollgruppe.

Die mitunter schützende Wirkung einer gedrosselten Durchblutung war bereits vor einigen Jahrzehnten aufgefallen: Weisen Patienten bereits Symptome verengter Herzkranzgefäße auf, so die Beobachtung, zeitigt ein nachfolgender Herzinfarkt weniger gravierende Folgen als bei Patienten, die der Infarkt ohne Vorwarnung trifft. Die biochemischen Auswirkungen einer solchen ischämischen Präkonditionierung hatten bereits mehrfach in Studien nachgewiesen werden können. Die Frage, ob sich damit ein handfester Nutzen für die Patienten erzielen lässt, war allerdings offen.

Die Forscher aus Essen und Remagen analysierten nun Daten von 329 Patienten, bei denen vorsorglich ein Bypass zur Überbrückung eines verengten Herzkranzgefäßes gelegt wurde. Bei 162 dieser Patienten wurde nach dem Einleiten der Narkose, aber noch vor dem ersten Schnitt, der Oberarm dreimal für jeweils 5 Minuten mit einer stramm aufgepumpten Blutdruckmanschette abgeklemmt. Bei den übrigen 167 Patienten wurde die Manschette lediglich angelegt, aber nicht aufgepumpt.

In beiden Gruppen stieg als Folge des Eingriffs der Spiegel von kardialem Troponin I, einem aus beschädigten Herzmuskelzellen freigesetzten Protein, vorübergehend an. Bei den Patienten der Präkonditionierungs-Gruppe fiel dieser Anstieg etwa 17 Prozent schwächer aus als in der Kontrollgruppe, berichten die Forscher. Zudem kam es in dieser Gruppe über einen Beobachtungszeitraum von durchschnittlich 1,5 Jahren zu 3 Todesfällen, während 11 Patienten der Kontrollgruppe starben. Aufgrund der niedrigen Zahlen war es allerdings nicht möglich, diesen Unterschied eindeutig einem schützenden Effekt auf das Herz zuzuschreiben.

Die neuen Resultate müssten durch weitere Langzeitbeobachtungen bestätigt werden, erklärt Heusch, gleichwohl stuft der Mediziner die Zahlen als sehr ermutigend ein. Das gelte umso mehr angesichts der Einfachheit und Sicherheit der ischämischen Präkonditionierung per Blutdruckmanschette, ergänzt Thielmann: „Diese Prozedur stellt eine potenziell vielversprechende und einfache Strategie dar, um den Herzmuskel der Patienten während des Eingriffs zu schützen und ihr Wohlergehen in der Folgezeit zu steigern.“

Forschung: Matthias Thielmann, Eva Kottenberg, Petra Kleinbongard und Gerd Heusch, Klinik für Thorax- und Kardiovaskuläre Chirurgie, Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin und Institut für Pathophysiologie, Universitätsklinikum Essen; und andere

Veröffentlichung The Lancet, Vol. 382, pp 597–604

WWW:
Universitätsklinikum Essen
Ischemic Preconditioning

Lesen Sie dazu im Scienceticker:
Wie Sport das Herz schützt
Forscher: Schmerz schützt das Herz

Posted in: Medizin
Möchten Sie den Beitrag bewerten?
SchlechtLangweiligGut zu wissenInteressantSpannend! (2 Bewertungen, im Schnitt 5,00 von 5)
Loading...

Drucken Drucken


2 Kommentare zu "Kurzer Blutstau könnte das Herz schützen"

Trackback | Comments RSS Feed

  1. Otto Fürst sagt:

    Ich bin kein Mediziner und darf mir daher folgende Frage – die sich mir beim Durchlesen gleich stellte – erlauben:
    Könnte sich ein solcher wie auch immer bewerkstelligter Blutstau während einer Ersten-Hilfe-Maßnahme (Beatmung, Herzmassage) nicht ebenfalls positiv auswirken?