Posted in: Biologie, Medizin 19. Juni 2013 19:00 Weiter lesen →

Wie Nacktmulle dem Krebs trotzen

Foto zeigt Nacktmull, langen, beinahe nackten Nager mit großen Nagezähnen, auf blau behandschuhter Hand Nacktmulle scheinen keinen Krebs zu kennen. Auf welche Weise die kleinen Nager verhängnisvollen Wucherungen vorbeugen, glauben amerikanische Forscher nun entdeckt zu haben. Im Gewebe der Tiere reichert sich demnach ein extrem großes Zuckermolekül an, das spontanes Zellwachstum sehr effektiv unterdrückt.

Foto: Brandon Vick/University of Rochester

Wird die Anreicherung des Zuckermoleküls unterdrückt oder werden die entsprechenden Rezeptoren blockiert, so können Zellen von Nacktmullen ähnlich gut zu übermäßigem Wachstum angeregt werden wie Zellen von Mäusen, fanden die Biologen um Andrei Seluanov von der Universität Rochester. Möglicherweise lasse sich der Kontrollmechanismus der Nacktmulle für die Entwicklung neuer Krebstherapien nutzen, schreibt die Gruppe im Magazin „Nature“.

Nacktmulle (Heterocephalus glaber) sind in Ostafrika heimisch und leben in unterirdischen Kolonien. Nicht zuletzt wegen ihres ausgeprägten Sozialverhaltens werden die Nagetiere seit vielen Jahren in Laboren gehalten. Dabei ist aufgefallen, dass sie mit bis zu 30 Jahren gut 7-mal älter werden als andere Nager ähnlicher Größe und, soweit bekannt, nicht an Krebs erkranken.

Bereits früher hatte Seluanovs Gruppe berichtet, dass Zellen von Nacktmullen sehr empfindlich auf ihresgleichen reagieren, indem sie in einer Zellkultur schon bei vereinzeltem Kontakt ihr Wachstum drosseln. Eher zufällig fanden die Forscher nun das verantwortliche Molekül – als sie der Ursache für häufig verstopfte Schläuche und Pumpen in ihren Zellkulturen nachgingen.

Nacktmull-Zellen bilden demnach eine Variante der Hyaluronsäure, die aus bis zu 33.000 Zweifachzucker-Bausteinen besteht und damit um ein Vielfaches länger ist als ihr Gegenstück bei Mäusen und Menschen. Verantwortlich dafür sind minimale Veränderungen in einem der Hyaluronsäure produzierenden Enzyme (HAS2). Zudem arbeiten die Hyaluronsäure abbauenden Enzyme bei Nacktmullen eher träge, sodass sich das Molekül im Raum zwischen den Zellen anreichert. Bindet das Molekül an einen Rezeptor auf der Oberfläche der Zellen (CD44), hemmt es deren Wachstum und löst im Falle einer bereits erhöhten Zelldichte den zellulären Selbstmord aus.

Vielleicht ist die geringe Anfälligkeit der Nacktmulle für Krebs nur ein Nebeneffekt einer anderen Entwicklung, spekulieren Seluanov und Kollegen: „Wir halten es für möglich, dass die Evolution bei Nacktmullen zur Anreichung von Hyaluronsäure in der Haut geführt hat, um ihr die nötige Elastizität für das Leben in unterirdischen Gängen zu verleihen“, so die Forscher. Die Frage, ob hochmolekulare Hyaluronsäure auch beim Menschen nutzbringend eingesetzt werden könnte, ist derzeit allerdings noch völlig offen.

Forschung: Xiao Tian, Jorge Azpurua, Vera Gorbunova und Andrei Seluanov, Department of Biology, University of Rochester, Rochester; und andere

Veröffentlichung Nature, 19. Juni 2013, DOI 10.1038/nature12234

WWW:
Gorbunova and Seluanov Labs, University of Rochester
Naked Mole Rat
Grundlagenwissen Krebs
Contact Inhibition
Unterstanding Hyaluronan-Protein Interactions

Lesen Sie dazu im Scienceticker:
Nacktmulle mit langem Atem
Nacktmulle: Schmerzmittel aus dem Untergrund

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