Posted in: Biologie 8. Juni 2013 16:16 Weiter lesen →

Amseln: Kürzerer Schlaf in der Stadt

Das Stadtleben beeinflusst die innere Uhr von Amseln: In städtischer Umgebung läuft sie schneller und ist störanfälliger als die von Amseln auf dem Land. Die Stadtvögel werden zudem früher aktiv und begeben sich später zur Ruhe. Das haben Wissenschaftler der Universität Glasgow und des Max-Planck-Instituts für Ornithologie festgestellt.

Für ihre Untersuchung fingen die Wissenschaftler Amseln in München und in einem Waldgebiet südwestlich der Stadt. Sie statteten die Vögel mit Minisendern aus und maßen ihre Aktivität über zehn Tage hinweg. Anschließend fingen die Forscher die Vögel erneut und analysierten ihre innere Uhr in licht- und schalldichten Käfigen, um den Einfluss äußerer Faktoren auf den biologischen Rhythmus der Amseln auszuschließen.

Amsel_mit_Sender_300 Amsel mit Minisender. Foto: MPI f. Ornithologie / Jesko Partecke

Den Ergebnissen zufolge unterscheidet sich der biologische Rhythmus der Tiere in freier Wildbahn in beiden Lebensräumen deutlich. Stadtamseln werden im Schnitt 30 Minuten vor Sonnenaufgang aktiv, außerdem endet ihr Tag neun Minuten später. Waldamseln beginnen und beenden dagegen den Tag mit Sonnenauf- und -untergang. Stadtamseln sind also fast 40 Minuten pro Tag länger aktiv als ihre Artgenossen auf dem Land.

Auch die Messungen unter Laborbedingungen ergaben deutliche Unterschiede. „Die innere Uhr der Stadtamseln läuft etwa 50 Minuten schneller. Außerdem ist sie störanfälliger und weniger konstant. Das Stadtleben bringt das Leben der Vögel also in einen neuen Takt“, sagt Barbara Helm von der Universität Glasgow.

Amsel_Max-Planck_Ornithologie_300 Na, ausgeschlafen, Turdus merula? Foto: MPI f. Ornithologie / Christian Ziegler

Damit sei erstmals nachgewiesen, dass sich die innere Uhr von Tieren in einer vom Menschen geprägten Umwelt verstelle, schreiben die Forscher im Fachblatt „Proceedings of the Royal Society B.“. „Wir möchten die Vor- und Nachteile aufklären, die eine solche Änderung für die Tiere in unseren Städten mit sich bringt, damit wir verstehen, welche Herausforderungen diese Umgebung an ihre Bewohner stellt“, sagt Davide Dominoni vom Max-Planck-Institut für Ornithologie. Ein veränderter Schlafrhythmus kann beim Menschen beispielsweise verschiedene Erkrankungen wie Depressionen, Übergewicht und Krebs auslösen.

Den Forschern zufolge könnte der veränderte biologische Rhythmus eine Anpassung an Umweltbedingungen in Städten wie nächtliche Beleuchtung und höhere Lärmpegel sein. „Die innere Uhr ist genetisch mitbestimmt, dadurch kann die natürliche Selektion einen bestimmten biologischen Rhythmus begünstigen. Wenn die Frühaufsteher unter den Amseln leichter Paarungspartner finden, können sie ihre innere Uhr an die nächste Generation weitergeben“, sagt Dominoni.

Forschung: Barbara Helm, Davide Dominoni, u.a.; Veröffentlichung in den Proceedings of the Royal Society B., Vol. 280 No. 1763 vom 22.7.2013, Online-Veröffentlichung 5.6.2013, doi: 10.1098/rspb.2013.0593

WWW:
Abstract in den „Proceedings“

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