Posted in: Anthropologie, Chemie 22. Mai 2013 19:16 Weiter lesen →

Neandertaler-Kind wurde jäh abgestillt

Grafik zeigt 3-D-Modell eines aufgeschnittenen Backenzahns, darin von blau bis rot farbig markierte Schichten unterschiedlichen Bariumgehalts Neandertaler stillten ihren Nachwuchs möglicherweise weniger lang, als es beim modernen Menschen üblich ist. Diesen Schluss legen Untersuchungen amerikanischer und australischer Forscher nahe. Solange ein Kind Muttermilch bekommt, wird demnach vermehrt Barium in seine wachsende Zahnsubstanz eingelagert. Gemessen an diesem Kriterium, dürfte ein vor über 80.000 Jahren gestorbenes Neandertaler-Kind bereits im Alter von 14 Monaten jäh abgestillt worden sein.

Der Neandertaler-Backenzahn enthält Wachstumsschichten unterschiedlich hohen Bariumgehalts. Ba:Ca von 0,45*10e-4 (blau) bis >1,22*10e-04 (rot). Grafik: Ian Harrowell, Christine Austin und Manish Arora

In heutigen Jäger-und-Sammler-Gesellschaften bekämen die Kinder dagegen typischerweise bis ins dritte Lebensjahr die Brust, schreiben die Forscher um Manish Arora von der Harvard-Universität und der Universität Sydney im Magazin „Nature“. Analysen an weiteren Proben müssten nun zeigen, ob kurze Stillzeiten bei den Neandertalern tatsächlich die Regel gewesen seien.

Die Gruppe um Arora und seine Kolleginnen Christine Austin und Tanya Smith führte ihre Messungen an ausgefallenen Milchzähnen von Kindern durch, deren Mütter zur Stilldauer und zur Gabe von Säuglingsnahrung befragt worden waren. Zudem analysierten die Forscher Zähne von Rhesusaffen, über deren Ernährung ebenfalls Buch geführt worden war. Bei beiden Spezies zeigte sich das gleiche Bild.

Nach der Geburt, erkennbar an einer „Geburtslinie“ in der harten Zahnsubstanz, steigt der Bariumgehalt in Zahnschmelz und Zahnbein demnach schnell um einige Prozent an. Mit der beginnenden Gabe von Beikost sinkt der Wert dann wieder, um nach dem vollständigen Abstillen erneut den Ausgangswert zu erreichen. Der Grund für diese Schwankungen ist laut den Forschern, dass über die Plazenta nur wenig Barium in den Blutkreislauf des ungeborenen Kindes gelangt, während die Muttermilch vergleichsweise hohe Konzentrationen des Elements aufweist.

Schnitt durch Schneidezahn zeigt Schichten unterschiedlichen Ba-Gehalts, von rot bis blau farbcodiert Schnitt durch einen Schneidezahn eines Kinds, das im 1. Monat nach der Geburt (Geburtslinie weiß) ausschließlich die Brust und dann zusätzlich Beikost (schwarze Linie) bekam. Ba:Ca von 0,07*10e-4 (blau) bis >0,23*10e-04 (rot). Grafik: Austin et al., Nature (2013)

Versuchsweise analysierten die Wissenschaftler auch einen Backenzahn eines etwa 3 Jahre alten Neandertaler-Kindes, dessen Gebeine mitsamt beinahe vollständigem Gebiss in der belgischen Grotte Scladina entdeckt worden waren. Auch hier zeigte sich im nach der Geburt gebildeten Zahnschmelz ein rasch ansteigender Bariumgehalt. Der Wert ging im Alter von gut 7 Monaten erstmals zurück und fiel dann im Alter von 14 Monaten schlagartig auf das Ausgangsniveau. Offenbar sei das Kind nach der Gewöhnung an Beikost von einem Tag auf den anderen vollständig abgestillt worden, folgern die Forscher. Die Gründe dafür sind unklar.

Forschung: Christine Austin und Manish Arora, Department of Medicine, Mount Sinai School of Medicine, New York, Environmental and Occupational Medicine and Epidemiology, Harvard University, Boston, und Westmead Millennium Institute und Faculty of Dentistry, University of Sydney; Tanya M. Smith, Department of Human Evolutionary Biology, Harvard University, Cambridge; und andere

Veröffentlichung Nature, 22. Mai 2013, DOI 10.1038/nature12169

WWW:
Harvard School of Public Health
Retzius-Streifen
Homo neanderthalensis
Grotte Scladina

Lesen Sie dazu im Scienceticker:
Neandertaler waren keine Hohlköpfe
Neandertaler wuchsen schnell

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